Wohnungslose: Zu Weihnachten eine neue Decke für den Hund

In meiner Netzecke macht gerade ein Video von Strassenblues* die Runde, in dem Wohnungslose ihre großen kleinen Wünsche beschreiben. Ein Versuch, Unsichtbare sichtbar zu machen.

[Eben tief durchatmen.]

Nach mehreren Todesfällen in den letzten zwei Jahren haben wir die Inhalte ganzer Häuser angeboten: den Kirchengemeinden, verschiedenen Hilfsdiensten, der Caritas, der Diakonie, dem Sozialamt, Flüchtlingshilfevereinen und was weiß ich, wem noch alles. Die Häuser hatten keinen Armen gehört. Alle Dinge des häuslichen und privaten Bedarfs, Gartenmöbel und Fahrräder, selbst komplette Campingausrüstungen waren da, alles.

Überfluss und unnötiger Mangel

Berge von Dingen, die ein Leben auf der Straße erleichtern: warme Kleidung, feste Schuhe, Socken, Wäsche, Bettzeug, Kissen, Isomatten, Reisetaschen, und Decken, sogar Kamelhaar- und Kaschmir-, jedenfalls: viele warme und robuste Decken. Zum Teil noch originalverpackt — ihr einziger Fehler war wohl, dass sie zuvor bereits jemandem gehört hatten. Der Hund, sein Herrchen Rolf und die anderen hätten sich bestimmt darüber gefreut. Doch niemand wollte sie haben. Wenige Möbel, Parfums und eine hässliche, aber kostbare Swarovski-Sammlung fanden Liebhaber, die gut gepflegten Pelzmäntel hingegen landeten ebenfalls im Müll.

Die Kirchengemeinden sagten danke, sie seien mehr als eingedeckt. Die großen Hilfsorganisationen haben überfordert abgewinkt: keine Leute. Bei den Ämtern bestand überhaupt kein Interesse. Dort wird Bedürftigkeit bloß verwaltet, bestenfalls. Die verschämte Hilfsbereitschaft einiger sozialer eingestellter Mitarbeiter wurde von den Kollegen scheel angesehen. Wir waren geschockt und frustriert. Wer sich mit Bedürftigkeit oder Armut noch nicht näher beschäftigt hat, will fast verzweifeln: Irgendwer muss doch die Sachen brauchen, ringsum hört und sieht man doch täglich Spendenaufrufe? Gibt es vielleicht eine Direkthilfe, irgendwo?

Eine ganz fremde Welt

Einen Streetworker aufzutreiben, ist für Unkundige eine verblüffend schwierige Aufgabe. Nach viel Herumfragen, -mailen und -telefonieren haben wir Menschen gefunden, die täglich mit Obdachlosen arbeiten. Auf die Idee, uns die Sachen selbst zu schnappen und einem Wohnunglosen zur Weiterverteilung in die Hand zu drücken, kamen wir erst viel später.

Dieser ganze Bereich unserer Gesellschaft kommt nämlich nicht vor. Viele von uns haben von klein auf gelernt, durch Bedürftige hindurchzusehen. Dabei hat sich jeder schon einmal ausgeschlossen gefühlt. Wie mag sich eine Normalität anfühlen, in der man für die Mehrheit für immer unsichtbar ist? Und doch akzeptieren wir diese Mit-Welt nicht. Wir wollen sie ignorieren und schaffen das meist ein Leben lang. Kommen wir mit ihr in flüchtige Berührung, reagieren wir, schon aus Unkenntnis, unsicher und abwehrend. Es ist eine sehr fremde Welt, aber sie wird nicht verschwinden, also gucken wir vielleicht besser hin.

Verantwortung und Wirklichkeit

Wir konnten doch noch nützlich sein, dank der Hilfe einiger sachkundiger Leute, die eigentlich nicht hätten helfen dürfen. Am abstoßendsten fand ich die Gleichgültigkeit in den sogenannten zuständigen Stellen. Die Mitarbeiter nehmen hin, dass ein Teil der Gesellschaft verschwindet. Diese Gruppe wächst, vielleicht ist das ein Grund. Sollen doch gucken, wie sie klarkommen, wir haben andere Sorgen. Zu viel Arbeit, keine Leute, Sie verstehen. Kein Geld. Kein Interesse.

Wir haben so viel. Wir können und wollen etwas abgeben: Oft wäre das nicht viel mehr als eine Frage der Logistik. Sind Zahlen darüber zugänglich, wie schnell Menschen abrutschen können? Ich habe gelernt, dass es schnell und einfach geht, und dass der Rückweg nicht selbstverständlich ist. Es gibt private Projekte, die sich um alte und neue Bedürftige kümmern wollen, doch Annahme und Verteilung, Organisation und Finanzierung werden ganz auf diese kleinen Initiativen abgewälzt. Nach kurzer Zeit sind sie überlastet und desillusioniert und geben auf. Als könnten wir uns leisten, freiwillige Helfer vor den Kopf zu stoßen, damit Bund und Länder ihre sozialstaatlichen Aufgaben zurückfahren können! Aber den Typen mit dem Hund am Straßenrand schon mal anlächeln — das könnten wir.
 

 

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3 Gedanken zu “Wohnungslose: Zu Weihnachten eine neue Decke für den Hund

  1. Ebenso lesenswert und zum Blog bestens passend ist der zweite Teil des Sozialexperiments Maria und Josef in Neukölln

    „Wir Mittelschichtkinder hatten mit vielem gerechnet in dieser klischeebeladenen Kulisse: mit bösen Blicken. Mit gezischelten Beleidigungen. Mit dem Aufblitzen eines Klappmessers und schlimmstenfalls mit einer Kurzmeldung in Bild: »Obdachlose angegriffen!« Aber dass unser Experiment in Neukölln derart außer Kontrolle geraten würde – niemals.“

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