Zweischneidigkeit

Es sieht aus, als müssten wir reden: über die Zweischneidigkeit der Pressefreiheit, die falsche Gefühligkeit in der Politik. Nicht angenehm – da wir doch Vereinfachung und Bequemlichkeit so sehr lieben, dass wir sogar bloß um des Nachbarschaftsfriedens Willen in einen blödsinnigen Krieg ohne Plan und Ziel ziehen.

Der Schweizer Journalist Stephan Klapproth schrieb am 29. November für die NZZ am Sonntag: „Wer uns totschiesst, den schweigen wir tot„. Darin plädiert er für das Unsichtbarwerden propagandageeigneter Bilder, um die Terroristen nicht durch deren Verbreitung zu unterstützen. Ich schließe mich ihm an, obwohl ich nicht sicher bin, ob das richtig ist. Wir sollten drüber reden.

Viele schreien reflexhaft: „HALT! Unsere Pressefreiheit! Unsere Demokratie!“. Natürlich haben sie Recht. Nur, warum schreien sie nicht bei der fortschreitenden Einschränkung von Grundrechten, bei der anlasslosen Vorratsdatenspeicherung? Warum schreien sie nicht, wenn aus abwegigen Gründen eine Kriegsbeteiligung mit nicht absehbaren, aber vorherzusehenden Folgen über ihre Köpfe hinweg beschlossen wird? Einfach so, ohne jegliche Mitbestimmungsmöglichkeit? Wo ist da das Gewicht der Demokratie? Weg, futsch, vergessen. Nicht so wichtig. Krieg, Entschlossenheit, Brüderlichkeit. Denen werden wir es zeigen. Es wäre interessant, zu wissen, wie viele so denken.

Wir wurden nach den pariser Anschlägen, wieder einmal, der schon gewohnten Achterbahnfahrt aus Emotion, Meinung, Tränen, Empathie und vor allem vielen, vielen Bildern ausgesetzt. Die Stimmen der sogenannten Nachrichtensprecher überschlugen sich, ihre Mienen haben sie dienstbeflissen immer wieder aufs Neue mehrfach gefaltet. Man konnte sich ordentlich die geschäftsmäßige Unberührtheit eines Karl-Heinz Köpcke zurückwünschen. Am Schluss der zierliche, männlich entschlossene Präsident, seine große Chance wahrnehmend und so ganz im Sinn von Daesh handelnd. Hätten sich die Medien vernünftig statt selbstverliebt verhalten, hätte die Politik die emotionalen ersten Reaktionen abklingen lassen und bedachtsamer Planung Raum gegeben, wäre schon nach wenigen Tagen dieser ganz und gar irrsinnige Krieg gar nicht erst zu einer Option geworden. Mitgefühl ist schön und edel, aber schädlich, wenn die Regierung sich davon antreiben lässt. Regieren braucht Zeit und Abwägung. Kalkül statt Gefühl.

Die Belgier haben aus den Fehlern von Paris gelernt. Sie haben Katzen über Katzen gepostet und damit spontan das Richtige getan: statt Schreckens vollkommen triviale, irrelevante Mitteilungen verbreitet. Noch dazu, fast nebenbei, haben sie ihre eigene Nachricht in die Welt gesendet: Bleibt souverän. Lasst euch nicht benutzen.

 

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6 Gedanken zu “Zweischneidigkeit

  1. Ich glaube, was die Presse ganz gerne vergisst, weil es den Verlegern ja letztlich in erster Linie um den Umsatz und nicht um Information geht, ist: Ja, Ihr habt das Recht auf Berichterstattung, vielleicht sogar die Pflicht (darüber liesse sich streiten). Aber Ihr habt nicht das Recht auf Panikmache, Ihr könnt auch leiser schreiben, drehen, knipsen. Das wiederum würde bedeuten, Ihr seid Euch der Verantwortung gegenüber den Lesern bewusst, und nicht ausschliesslich der gegenüber den Aktionären. Ihr habt die Freiheit, Euch der Sensationsgeilheit zu verweigern.

  2. @Kiki
    D’accord. Fürchte nur, dass ethisches (und sei es nur berufsethisches) Verhalten einfach nicht mehr en vogue ist. Hab neulich geschrieben, Haltung sei im Journalismus teurer als anderswo, was in dieselbe Richtung zielt. Wenn du dauernd fürchten musst, deinen Brotjob zu verlieren, ist das auch nicht einfach.

    Eine Debatte über mehr Sorgfalt wäre mehr als angebracht. Die Journos täten sich damit einen größeren Gefallen als damit, auf die zu schimpfen, die ‚Lügenpresse‘ schreien, zudem eine sinnvolle Diskussion über die beliebte „Zukunft des Journalismus“.

  3. Ich halte es für einen Irrtum, daß Haltung im Journalismus teurer als anderswo sein soll. Meiner Ansicht nach ist Haltung so ziemlich der einzige Luxus, auf den gerade und ganz besonders Journalisten nicht verzichten dürfen, auch und ganz besonders, wenn’s um die eigene Existenz geht. Warum sollte ich als LeserIn oder ZuschauerIn einen Pfifferling auf dein Wort als JournalistIn geben, wenn du erkennbar Wischiwaschi schreibst, um deinen „sicheren“ Job nicht zu gefährden?
    Wenn Glaubwürdigkeit erst einmal verspielt wurde, so wie über die letzten fünfundzwanzig Jahre in der deutschen Presselandschaft (in den USA und UK wie üblich 10 Jahre früher), dann ist sie nur sehr schwer wiederherzustellen.

    Was uns (West)Deutschen, die vor 1970 geboren wurden, sehr schwer zu akzeptieren fällt: Es gibt keine einzige Branche, keinen einzigen Job als Arbeiter oder Angestellte mehr, die bzw. der das ist, was unsere Eltern und Grosseltern als „sicher“ bezeichnet hätten und zur goldenen Uhr führt. Jede/r muß ständig kämpfen, ist entbehrlich, wird nach Lust und Laune bzw. Quartalsergebnis gefeuert. Zu akzeptieren lernen, daß eine Entlassung NULL mit der eigenen Leistung zu tun hat, aber umso mehr mit äusseren Gegebenheiten auf die man keinen Einfluß hat, das war und ist hart. Am Ende müssen wir uns alle die Selbstständigendenke zu eigen machen, ob wir wollen oder nicht, und ob wir selbstständig sind oder nicht. Been there, done that, got the T-Shirt to prove it.

    Und wenn man erst einmal verstanden und akzeptiert hat, daß das (historisch betrachtet) sehr kurze Intermezoo einer sicheren Festanstellung bis ins Rentenalter ein für alle Male vorbei ist, lebt und arbeitet es sich sehr viel freier. Eine solche Existenz birgt auch Chancen und fusst auf Unabhängigkeit. Davon sollten gerade die Angehörigen der Presse doch etwas verstehen! Und sie haben dank des Internets so viel mehr Möglichkeiten, mit geringstem Kostenaufwand sehr gut, sehr aktuell und sehr ehrlich zu publizieren, egal sie ob von der schreibenden Zunft sind, vom Radio oder vom Fernsehen kommen. Vergleichen mit arbeitslosen Maurern, Karosseriebauern oder Bäckern sind sie jedenfalls verdammt gut dran.

  4. @Kiki
    Was Sicherheit angeht, wiederum d’accord. Aber Journos privilegiert? Es gibt so viele, dass die Devoteren immer schon hinter dir stehen. Und als Freie/r ist es eigentlich sogar noch wichtiger, dem Auftraggeber zu gefallen. Sonst kannst du leider, leider deine Familie nicht mehr ernähren. Sind nicht alle so relativ unabhängig wie du oder ich.

  5. Deine Position zur Demokratie ist unklar und kommentierend finde ich sie auch unausgegoren. Du schreibst „Warum schreien sie nicht, wenn aus abwegigen Gründen eine Kriegsbeteiligung mit nicht absehbaren, aber vorherzusehenden Folgen über ihre Köpfe hinweg beschlossen wird? Einfach so, ohne jegliche Mitbestimmungsmöglichkeit? Wo ist da das Gewicht der Demokratie? Weg, futsch, vergessen.“
    Ja wie denn sonst? Das Volk hat seinen Repräsentanten gewählt, die Verfassung ist bekannt, die Bündnisverpflichtungen und internationalen Verträge und Verpflichtungen sind gesetzt. Der Wähler hat so gewählt, dass es die alternativen Neuwahlen, eine rechte oder rot-grüne Minderheitsregierung und die GroKo gab. Die haben wir jetzt, die hat eine Regierung gewählt. So ist unsere Verfassung und das ist gut. so. Ich habe seit den 1970er Jahren ein großes Mißtrauen gegen allgemeine Volksabstimmungen. In den 1960er Jahren hätte das Volk die langhaarigen linken Gammler gerne in Arbeitslager gesteckt. Noch in den 1970er Jahren hätte eine Mehrheit die Todesstrafe befürwortet.
    Konkret hat die deutsche Regierung gar keine Alternative. In der Hauptstadt des wichtigsten wirtschaftlichen und politischen Partners von Deutschland in Europa, wenn nicht überhaupt schlagen Terroristen zu und Deutschland soll nichts tun? Da gibt es auch nicht viel zu diskutieren, weil diese Diskussionen längst geführt worden sind. Ungefähr sechs Jahrzehnte lang.

  6. @Jürgen
    Ja, ich erlaube mir auf meinem Blog – und auch sonst -, zu kommentieren. Richtig.

    Nein, um Himmels Willen keine Volksabstimmungen. Aber genauso schädlich sind diese symbolpolitischen, aufgeheizten Entscheidungen. Ich finde es auch erstaunlich, dass du meinst, die politischen Umgebungsvariablen seien bekannt – sie sind es keineswegs (und die Meisten halten solche Kenntnisse auch für ganz überflüssig).

    Dass eine explizite Einladung an Terroristen eine Lösung ist, will mir übrigens ganz und gar nicht einleuchten. Ich zitiere gerne nochmals

    (https://twitter.com/rabihalameddine/status/668110758283100161)

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