Googles Digital News Initiative – ein unmoralisches Angebot?

Im letzten Jahr hat eine Reihe großer Verlage das Leistungsschutzrecht für Presseverleger durchgesetzt; sie machen sich auch auf europäischer Ebene gegen Google stark. Im Gegenzug hat der Suchmaschinist ganz allgemein Fördermittel von zunächst 150 Millionen Euro für den europäischen Journalismus zugesagt.

150 Mio. Euro sind zwar nur kleines Geld, wenn man die Google-Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Höhe von 8 Milliarden Dollar zugrunde legt, für den Journalismus jedoch ein nettes Sümmchen. Allerdings wird der Betrag auf drei Jahre verteilt, und die endgültige Anzahl der Nutznießer steht noch nicht fest, die endgültige Investitionshöhe und Laufzeit allerdings auch nicht. Gründungspartner der Digital News Initiative (DNI) sind „Les Echos (Frankreich), die FAZ (Deutschland), die Financial Times (UK), The Guardian (UK), NRC Media (Niederlande), El Pais (Spanien), La Stampa (Italien) und die Zeit (Deutschland). Hinzu kommen führende Branchenverbände wie das European Journalism Centre (EJC), das Global Editors Network (GEN) und die International News Media Association (INMA)“, weitere bekannte Medien haben bereits Interesse bekundet.

Dem stehen (die FAZ und Die Zeit gehören nicht dazu) die 25 Gesellschafter der VG Media gegenüber: Sie möchten vorerst 6 Prozent des Google-Suchmaschinen-Umsatzes haben – ausgehend von 4 Milliarden Euro wären das laut Meedia 240 Millionen Euro; Google hat’s ja, und schließlich muss sich mit der LSR-Brechstange doch was bewegen lassen. Ein riskantes Unterfangen, wenn man die Pleiten nach ähnlichem Vorgehen in Belgien und Spanien betrachtet. Mit Frankreich jedoch hat sich der Suchmaschinenbetreiber im Rahmen des FINP-Programms geeinigt, wodurch französische Medien 60 Millionen Dollar erhalten haben.

Auf der einen Seite steht ein Markt, der auch wegen eigener Versäumnisse dringend Geld braucht, auf der anderen ein privatwirtschaftliches Unternehmen, das früh genug clever genug war, Chancen zu erkennen und zu nutzen. Sicher kann man hinter Googles Partnerschaftsangebot eine „Charmeoffensive“ vermuten, oder der vernünftigen Ansicht sein, das Unternehmen sollte zuerst seine Steuern in Europa zahlen. Dabei verhält sich Google nur, wie sich jeder andere Marktteilnehmer mit entsprechenden Möglichkeiten auch verhielte. Die Google-Bosse mögen, wie alle Wirtschaftsbosse, keine Schwierigkeiten. Statt eine weitere Hemmung des normalen Geschäftsablaufs einfach hinzunehmen, machen sie ein Angebot. Realistisch denkende Verlagschefs tun gut daran, es ernst zu nehmen. Die organisierten Presseverleger der VG Media – bis auf Springer – möchten vielleicht lieber noch abwarten, bis die Leser zu Facebook abgewandert sind; bei einem Verein, der sich nicht einmal auf ein gemeinsames Micropayment-Modell einigen konnte, nicht weiter erstaunlich.

Europa ist ein großer, solventer und vor allem: entwicklungsfähiger Markt. Hier ist jede Menge Know-how über Journalismus und das klassische Zeitungsgeschäft vorhanden, noch dazu vielsprachig und bei ganz unterschiedlichen Mentalitäten, Vorlieben und Abneigungen: für Google schon als reine Trainingsmöglichkeit für seine Algorithmen sicher nicht uninteressant. Deutschland, (noch) eines der mächtigsten Mitgliedsländer, hat einen gewaltigen Nachholbedarf, was Digitalisierung im Allgemeinen und digitale Geschäftsmodelle im Besonderen angeht. Google hat außer viel Geld unter anderem sehr viel Erfahrung mit Monetarisierung und der Auswertung von Daten aller Art. Die Gefahr des Verlusts journalistischer Unabhängigkeit – „wes‘ Brot ich ess, des‘ Lied ich sing“ – ist bei manchen verlagsinternen Gepflogenheiten deutlich höher als bei einer quasi-öffentlichen Partnerschaft, die mit Argusaugen beobachtet und auf das Kritischste öffentlich zerpflückt werden wird. Warum also sollten die beiden Seiten nicht voneinander partizipieren?

Paid Content mag bei Lokal- und Regionalangeboten oder aus reiner Sympathie funktionieren, für die überregionalen Blätter, sofern sie nicht New York Times heißen, wird er sich nicht auszahlen, sondern Reichweite kosten. Der Markt ist abgegrast, selbst Agenturen geht es nicht mehr gut, und es gibt unzählige kostenlose Angebote. Alle Diskussionen über die Zukunft des Journalismus scheinen sich, zumindest hier in Deutschland, darum zu drehen: Wie machen wir weiter wie gehabt? Dass sich durch die Digitalisierung alles ändert, wird dabei einfach verdrängt. Die großen Datenkraken haben die Technologien, Journalisten (und Verleger?) das fachliche Wissen und Können. Sie nicht zusammenzuführen, wäre gegen jede Vernunft. Mancher Bauch wird dabei arg grimmen, aber wir werden uns der Herausforderung stellen müssen. Ganz gleich, wer wann wo wie lange blockiert: Wir haben 2015, die Zeit ist weiter- und über viele hinweg gegangen. Die Aufgabe besteht darin, den Anschluss nicht zu verpassen – for better or for worse.

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6 Gedanken zu “Googles Digital News Initiative – ein unmoralisches Angebot?

  1. Ich weiß, dass ich mich mit meiner Aussage unbeliebt mache, aber Google ist für mich nicht der Buhmann … trotz Snowden und NSA … dann doch eher ein Herr Zuckerberg.

    Dass Google aber nur 150 Millionen für die Etablierten locker macht, sehe ich eher kritisch … und knauserisch …

  2. Die Verlage haben ihre Rolle als gatekeeper schon lange verloren. Auch politische Skandale werden nicht mehr über Veröffentlichungen in Zeitungen angezettelt, sondern im Web 2.0 inszeniert (wie hoch ist der authentische Anteil an einem Shitstorm und wie hoch derjenige der Spindoktoren und des Astroturfings?). Der Bedeutungsverlust der Zeitungen liegt klar auf der Hand und ist nicht mehr umkehrbar.

    Die Verwertungskette Verlag–Handel–Bibliothek–Verwertungsgesellschaften ist unauflöslich und stellt vor allem die Bibliotheken vor ein Problem, weil deren Nutzer immer stärker auf Online-Angebote schielen. Daher die Onleihe, daher der Ausbau von Katalogen, die Anreicherung von OPAC-Inhalten um Weblinks zu Wikipedia und die bibliothekseigenen Dienste von Munzinger über Brockhaus bis zu Oxford und Britannica, auch hierzulande. Die Ausleihzahlen steigen stetig, was aber vor allem auf den steigenden Bildungsgrad und die daraus folgende intensivere Nutzung zurückgeht. Daneben werden aber auch andere Quellen immer intensiver angezapft als bisher, und ob diese Konkurrenz zugunsten der Bibliotheken ausgeht, wenn sie sich hier nicht anpassen und verstärkt auch auf self-publishing achten, wird sich schon bald zeigen.

    Paywalls sind unattraktiv, weil sie zu teuer sind. Ich nutze gerne Pressedatenbanken für die Recherche, aber für die Portale von einzelnen Zeitungen zahle ich nicht und werde das auch nicht tun. Es lohnt sich auch für die Verlage nicht: Selbst für die NYT zahlt sich online nicht aus. Auf die Idee, ein verlagsübergreifendes aktuelles Zeitungsportal anzubieten, kommen sie nicht. Für 15–20 Euro im Monat würde ich da vielleicht sogar Kunde werden. Europaweit gesehen, versteht sich.

    Die Suchmaschinen und die kommerziellen sozialen Netzwerke sind zu einem second-level gatekeeper geworden. Die Intermediäre lotsen die Leser dorthin, wo es etwas frei zu lesen gibt. Wer sich hier ausblendet, wird eben nicht mehr gefunden und also auch nicht gelesen. Daher die beiden Strategien: Kooperieren oder die „Selbstbedienung“ von Google und Facebook als Nutzung deklarieren und ein Leistungsschutzrecht geltend machen. Im ersten Fall, der Digital News Initiative, verkaufen sich die Verlage an Google, denn was soll denn dort technisch anderes herauskommen, als eine Ansammlung an neuen Schnittstellen für die Inhalte, die sie produzieren? Kennen wir von Wikipedia: Wikidata als Interface für die Weiterverwendung von Wikipedia mittels Semantic Web, auch das ja finanziert von Google und mittlerweile durch das Einpflegen von Freebase faktisch eine Plattform, die von Google betrieben wird. Der ehemalige Projektleiter von Wikidata arbeitet jetzt bei Google. Im zweiten Fall, dem LSR, wird versucht, eine Art Wegelagerei zu betreiben, die, obwohl politisch unterstützt, nur scheitern kann. Punkt.

    Es bleibt das Web. Das in großen Teilen kommerzialisiert worden ist – teils zog es sie, teils sanken sie hin. Legion sind die Interessenten für das „Geldverdienen mit Blogs“. Wirklich interessant ist daher nur noch, wohin die Reise führt, woher neue Impulse kommen, welche Autoren zu lesen, sich tatsächlich noch lohnt. In meinem Feedreader sind derzeit etwa 450 Feeds mit schnell wechselnder Zusammensetzung. Was mich enttäuscht, lösche ich zügig wieder, neue Autoren und Quellen nehme ich aber auch genauso bereitwillig auf. Ich habe es hier mit soviel Text und Podcasts zu tun, daß ich sie niemals vollständig lesen, hören oder ansehen werde können. Und das meiste davon habe ich ohne Suchmaschinen und soziale Netzwerke aufgefunden. Von wegen gatekeeper.

    Die Zeit der verlegerisch und intermediär formierten Veröffentlichtheit ist endgültig vorbei. Wenn wir noch weiter über Journalismus und Verlage und deren Konflikte mit den kommerziellen Suchmaschinen und sozialen Netzwerken diskutieren, betreiben wir deren Geschäft. Das aber schon längst noch ein röhrender Hirsch ist, den sich die Rückwärtsgewandten übers Sofa hängen, während die Trends ganz woanders hin laufen. Öffentlichkeit fragmentiert sich im Netz und organisiert sich ständig neu, täglich, wie mein Feedreader auch. Immer auf der Suche nach Besserem, nach Passenderem, und das gibt es ja auch zuhauf. Radikaler denken und radikaler handeln. Jetzt.

  3. @albatros
    Du hast Nudging vergessen. ,)

    Fragmentierung nenne ich Zerfaserung; jeder sieht nur noch seine individuell angepassten Ausläufer von Hunderten Themen. Gesellschaftlich nicht gut, weil etwas gemeinschaftstiftendes fehlt. Andererseits muss ich auch vieles neu denken, weil Dinge sich eben geändert haben, ob mir das passt oder nicht. Die Alternative wäre Stillstand.

    Stimme dir zu: Immer mehr vom Gleichen erscheint den Meisten „besser“, von der anderen Seite – Konzentration auf das Wesentliche, Zusammenfassung, Überblick – sehen das nur Wenige. Allerdings hatten wir den Vorteil, ins Netz hineinzuwachsen, während schon viele Jüngere Facebook für „das Internet“ halten, übrigens durchaus auch eine Abwehrreaktion gegen zu viel, zu schnell, zu unübersichtlich.

  4. Ich halte ja Einführungen in die Netzpolitik. Es gibt mittlerweile eine ganz heftige Abwendung von allem, was auch nur aus der Ferne nach Überwachung aussieht. Abwendung von sozialen Netzwerken, Verweigerung, aber auch aktive Suche nach Auswegen, auch bei den Jüngeren. Ich war z.B. nicht der einzige im Kurs, der kein Smartphone hatte. Und wenn man Tor erklärt, hören die Leute mittlerweile genauso aufmerksam zu wie bei den Themen Urheberrecht oder demokratische Prozesse – und beteiligen sich mit richtig guten Beiträgen an der Diskussion. Da ist etwas in Bewegung gekommen – nicht bei den Lemmingen, die wird es immer geben, aber doch so viel, daß ich sehe, daß die Fragmentierung hier auch in eine gute Richtung läuft. Google, Facebook und Co. können die alten Massenmedien nicht ersetzen. Wenn die Verlage jetzt in deren Falle laufen, kann ich ihnen auch nicht mehr helfen. Das wird die Abwendung vom Journalismus nur noch weiter verstärken. Es geht woanders weiter, nicht nur bei Blogs, sondern auch bei Plattformen wie The Conversation. Daß darüber hier nicht berichtet wird, ist geradezu ein Qualitätsmerkmal. – Und, ja, wie konnte ich Nudging vergessen… ;)

  5. Mein lieber @albatros,
    netter Versuch … :D

    Halte das nicht für eine Falle, auch nicht für eine Lösung, aber weiter wie bisher geht überhaupt nicht. Da muss viel neu gedacht und ausprobiert werden. Abwarten und anschauen und offen sein.

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