Ist Roboterjournalismus wirklich schlimmer als Maschinenwäsche?

Am Dienstag fand in Frankfurt zum 11. Mal der alljährliche Tag des Online-Journalismus statt. Einen der ausnahmslos informativen und anregenden Vorträge hielt Saim Alkan, der in seiner aexea GmbH Software für die automatisierte Produktion von Online-Texten entwickelt.

Viele Journalisten hören das Wort Roboterjournalismus nicht gerne, und so stellte sich Alkan gleich offensiv vor: “Ich bin der, der als Feind kommt und hoffentlich als Freund geht.” Er erklärte, was er entwickelt und wohin die Reise gehen soll. Zur Zeit ‘kann’ seine Software 10 Sprachen und wird hauptsächlich für Routineaufgaben wie Wetter-, Verkehrs- oder Polizeiberichte und Zusammenfassungen von Sportereignissen eingesetzt. Sie soll einmal in 36 Sprachen verfügbar sein und eignet sich besonders für die folgenden journalistischen Aufgaben:

Screenshot HR/FTOJ, Min. 20:09

Viele Auftraggeber möchten übrigens nicht, dass über ihre Zusammenarbeit mit aexea gesprochen wird. Das bestätigt unausgesprochen die Vorbehalte gegen, aber auch den Diskussionsbedarf über Textautomation in Verlagen und Redaktionen.

Auf die Frage nach möglichen personellen Konsequenzen sagt Alkan, aktuell könnten “50 Prozent der Inhalte einer überregionalen Tageszeitung standardisiert wiedergegeben” werden. “Wenn das von 50 Prozent der Menschen geschrieben wird, ist es traurig”, allerdings frage sich, “ob das so viel Schaden ist, wenn 50 Prozent der Menschen 50 Prozent der Inhalte schreiben”.

Quelle: HR Hessischer Rundfunk/FTOJ

Die Angst des Journalisten vor der Wegrationalisierung

Fast jeder besitzt eine Waschmaschine, und niemand käme heute noch darauf, die Wäsche mühsam zu schlagen und zu walken. Als meine Familie die erste Waschmaschine bekam, jubelten die Frauen über die schönen Sachen, die sie nun an dem frei gewordenen wöchentlichen Waschtag würden unternehmen können.

Nachdem ich gut die Hälfte meines Lebens in einem Unternehmen für spezialisierte Softwareentwicklung gearbeitet habe, aber erst seit ein paar Jahren “was mit Medien” mache, fällt mir die Beschäftigung mit gewöhnungsbedürftigen Ideen vielleicht ein bisschen weniger schwer, als vielen meiner heutigen Kollegen. Software war für mich immer etwas, das mir Routinen abnimmt, lästige, ständig wiederkehrende Arbeitsabläufe automatisiert, kurz: die tägliche Arbeit einfacher macht und mir Zeit für neue, interessantere, nützlichere Tätigkeiten schafft.

Journalisten denken etwas anders. Da kommt plötzlich ein Automat auf den Markt, der (wenn er einen gut gepflegten Datenbestand hat) fehlerfrei arbeiten kann, wozu Menschen bekanntlich nicht in der Lage sind. Die Vorstellung vom Beruf des Coders (oder, altmodisch, des Programmierers) mag bei Jüngeren eine ziemlich genaue sein, in älteren Köpfen spuken jedoch noch Bilder von pizzavernichtenden riesenbebrillten Nerds bis zu knochentrockenen Technokraten herum, die in Sprechblasen aus Nullen und Einsen kommunizieren, wenn überhaupt. Datenpflege ist jedenfalls etwas, das mit originär journalistischer Arbeit aber schon gar nichts zu tun hat und folglich auch nicht in die journalistische Zuständigkeit fällt.

Können wir uns so eine Einstellung noch leisten?

Nun, man hat es nicht gerne, dass einem irgendwelche Maschinen die Arbeit abnehmen, macht aber unbewusst doch einen Unterschied zu elektrischen oder elektronischen Haushaltshelfern. Das erinnert ein wenig an die lange Zeit der Gewöhnung an Twitter: Die dagegen sind, sagen, in 140 Zeichen könne man sich unmöglich präzise ausdrücken, während die Befürworter meinen, die Kürze zwinge erst recht zur Prägnanz. Abgesehen von denen, die daraus eine sture Glaubensfrage machen, weil sich Vorurteile so schön darauf fokussieren lassen, haben sich mittlerweile alle so weit beruhigt, dass Twitter wenigstens nicht mehr als Hauptkampflinie gilt.

Delegieren lernen

Zu den Vorbehalten gegen Textautomation haben auch Journalisten beigetragen, die sich für Datenjournalismus begeistern, in ihrem Überschwang aber versäumten, die skeptischen Kollegen mitzunehmen und sie mit sehr speziellen Diskussionen verschreckten. DDJ, Data Driven Journalism, hört sich auch, zugegeben, ein bisschen nach wild gewordener Kampfmaschine an, dabei fristen die armen Rohdaten ohne kundige Menschen doch nur ein ganz und gar harmloses, farb- und geruchloses Dasein. Immerhin hat es trotz Krise Jahre gedauert, bis traditionelle Journalisten begannen, sich für die unschätzbaren Möglichkeiten der Datenvisualisierung zu erwärmen – das, obwohl auch vor dem Internet jeder den Wetterbericht angeschaut hat. Die eben errungene Akzeptanz steht bereits wieder zur Disposition, seit das böse Wort von der Allmacht der Algorithmen in Mode gekommen ist. Und vielleicht spielt auch die alte Konkurrenz zwischen Geisteswissenschaftlern und Praktikern eine kleine Rolle; schließlich hat niemand Politologie studiert, um nachher Datenbanken zu pflegen.

Können wir uns so eine Einstellung leisten?

Berufe verändern sich [das abwertende “Jobs” mag ich nicht benutzen], wir scheinen uns dem – Gewohnheitstiere, die wir sind – aber nur ungern anzupassen. Es mögen sich doch all die fragen, die immer schon zu Weiterbildungen oder in den Bildungsurlaub gereist sind, was sich denn, verflixt noch mal, geändert hat? Sich über Daten Gedanken zu machen – etwa, welcher Pflege sie bedürfen, wie man sie nutzbringend auswerten und verknüpfen kann -, war lange Zeit Sache der Agenturen, die diese Probleme spätestens mit Einführung der elektronischen Kommunikation angegangen sind und stetig weiter an Verbesserungen arbeiten. Jetzt aber hat fast jeder außer den Hardcore-Verweigerern irgendein Device bei sich, mit dem in kurzer Zeit und mit minimalem Aufwand ganze Reportagen verfasst und aufbereitet werden können.

Fehlen wirklich irgendwem die Ü-Wagen? Ja, die Arbeit müssen wir jetzt selber machen, da ist nicht mehr die Kollegin vom Ton oder der Kollege vom Schnitt, die sie uns abnehmen. Umso folgerichtiger, dass wir künftig anderswo Entlastung suchen und uns besonders lästig wiederzukäuende Arbeiten von anderer Stelle abnehmen lassen. Wer jetzt sagt, er schreibe aber wirklich am aller-, allerliebsten den Verkehrsbericht – ja nun. Es gibt auch dafür Bedarf. Er ist verschwindend gering. Vermutlich wird aber auch dieser Kollege nicht mehr von Hand waschen.

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