Die Presse echauffiert sich

Im Zusammenhang mit den Krisen in der Ukraine und in Gaza wird deutschen Medien verstärkt vorgeworfen, sie seien “gleichgeschaltet”. Das ist nicht neu. Neu ist die konzertierte Abwehr der Medien – eine wahre Ignoranzallianz.

Die Medien reagieren. Doch nicht auf die Kritik: Vor lauter Abwehrgesten, selbstgehäkelten Kommentarregeln und operativer Hektik kommt offenbar niemand darauf, die Vorwürfe für bare Münze zu nehmen und ihnen auf den Grund zu gehen. Beleidigt sein bringt eben schneller Artikel hervor, als die Auseinandersetzung mit den Kritikern.

Ziehen wir den ursprünglichen Sinn des Wortes Gleichschaltung und die notorischen Nullkommentare doch einmal ab. Übrig bleibt das negative Medienbild, das immer mehr Konsumenten haben. Ihre Kommentare werden nicht als Kritik verstanden, sondern als nervige Meinungsäußerungen abgetan, gegen die man sich wehren muss. Dabei sind diese Kommentatoren wirklich sauer. Auch wenig reflektierte Anmerkungen drücken Unwillen aus; dass sie oft hilflos wirken, ist kein Wunder.

Die Wut ist leicht zu erklären: Leser und Zuschauer haben gründlich satt, was dessen Hersteller so gerne als Qualitätsjournalismus bezeichnen. Viele Artikel werden einfach von Agenturen übernommen und nur geringfügig verändert, ergo sind in n Medien die gleichen Inhalte zu lesen. Für die Präsentation öffentlich-rechtlich gefälschter Rankingergebnisse ist eine Zwangsabgabe fällig. Ein kabarettistischer Beitrag wie der der Anstalt über die transatlantischen Verquickungen namhafter Journalisten führt höchstens noch zu müdem Schulterzucken – so etwas haben wir doch längst geahnt. Und im Medienmedium Altpapier können wir lesen:

Dass Nachrichtenredakteure des Spiegels oder der DPA, […] Nachrichten generieren, indem sie stundenaktuelle Google-Such-News scannen, sollte man jedenfalls im Hinterkopf haben.

Das alles ist in den Augen vieler nur die Bestätigung dessen, was sie schon lange fühlen: Für eine breite Öffentlichkeit ergibt sich das Bild einer auffällig homogen berichtenden, eng mit der Politik verzahnten Presse. Wie weit das den Tatsachen entspricht, steht nicht zur Debatte. Die Verantwortlichen begegnen der massiven Kritik mit der Forderung nach “harter Moderation”. Fehler machen nicht sie, sondern die Leser, die lästigerweise beinahe überall ihre Meinung äußern können und das auch tun. Hinter scheinbar unsachlichem Meckern vermuten die Beleidigten nicht einmal begründete Kritik. Den ernsten Hintergrund nehmen sie nicht wahr. Dabei suchen sie seit Jahren nach dem wahren Journalismus, der sich zudem gut verkauft. Einen Zusammenhang stellen sie jedoch nicht her.

Sie träumen vom Ideal einer Diskussion unter Gleichen. Wer sich nicht fundiert und wohlerzogen äußert, wer nicht mit dem gehörigen Bildungshintergrund glänzen kann, wer noch nicht einmal eine Kundennummer hat, ist kein ernstzunehmender Gesprächspartner. Die nicht so Eloquenten gehen unter. Glaubwürdiger werden “die Medien” so nicht, vielmehr fügen sie der ohnehin negativen Wahrnehmung noch elitäres Gebaren hinzu.

Sie stellen sich eine Kundschaft vor, wie es sie einst in der übersichtlichen Print-Einbahnstraßen-Welt gab. Leserbriefe kamen von Abonnenten, unliebsame wurden gleich in den Rundordner befördert, und des Abdrucks war nur würdig, wer den Schachtelsätzen der Verfasser rhetorisch Gleichwertiges entgegensetzen konnte.

Waren denn die unzähligen “wir haben verstanden”-Texte aus ungezählten Journalisten-Tastaturen nur schöner Schein? Den Leser ernst nehmen – aber nur, wenn sich der mit gebührendem Respekt nähert? Wenn die Journaille Populismus bis zur Schmerzgrenze betreibt: Weshalb sollen die Leser das nicht auch dürfen? Konsumenten merken genau, wenn sie nicht respektiert werden, wenn mit zweierlei Maß gemessen wird. Natürlich wehren sie sich dagegen, nun, da sie es endlich können, und bedienen sich dazu selbstverständlich der Mittel, die man ihnen vorgibt.

Das Problem betrifft längst nicht mehr einzelne Personen, Blätter oder Sender. Längst lehnen viele Menschen “die Medienin ihrer Gesamtheit ab. Diese Verallgemeinerung schadet allen Medienschaffenden. Alles fällt auf alle zurück. Die Chance zur ehrlichen Auseinandersetzung mit den eigenen Leistungen wird einmal mehr nicht genutzt. Der Kommentarkultur die Schuld zu geben, ist bequem, füllt den Platz und sorgt für empörte Klicks. Zielführend ist es nicht.

Nachtrag, 27. August:

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