Zurück in die Sechziger

Schön war die Zeit. Wirtschaftswunder, kräftige Konjunktur, Arbeit für alle, endlich genug zu essen, sozialer Wohnungsbau, schlagkräftige Gewerkschaften und eine starke D-Mark. Die Nazis, die im Bundestag oder in Verwaltungs- und Richterämtern saßen und die in der eigenen Familie, wurden großzügig ignoriert, die Deandln warn sittsam, die deutsch-französische Freundschaft besiegelt, und alle Welt wollte Waren Made in Germany kaufen.

Hach.

Nach solchen Zeiten kann man schon Sehnsucht bekommen: Heintje wurde digitally remastered (“80 der größten Erfolge und 16 unveröffentlichte Aufnahmen!”), das Weiße Rössl neu verfilmt. Eine Neufassung des Königlich Bayerischen Amtsgerichts gibt es auch. Leider lässt der moderne Vorsitzende die schlitzohrige Klugheit des Fernsehvorbilds vermissen.

Es gibt eine Partei, die die D-Mark wiederhaben will, Journalisten, die von der kommenden Vollbeschäftigung träumen, und die Telekom wäre lieber wieder Deutsche Bundespost. Die Erfahrung im Ignorieren von Nazis erweist sich wieder als nützlich.

Protestbewegungen sind zum Glück unmodern oder mit den eigenen Innereien beschäftigt. Die Politik ist alternativlos und die Zustimmung für die Neuentdeckerin des machiavellistischen Prinzips erreicht Werte, die es so für Politiker ebenfalls zuletzt in den Sechzigern gab. “Wir sind wer” bedeutet dem deutschen Wähler mehr, als die sachliche Betrachtung realpolitischer Wirklichkeit. Er lässt sich gerne straff führen. Die da oben wird’s schon richten.

Der Schrebergarten ist wieder schwer in Mode. Die Wiedereinführung des Schwarzweißfernsehers wäre vielleicht ein wenig übertrieben. Aber über Rassentrennung könnte man sicher reden. So ein Königspaar wäre auch schön.

 
Für Kaffee geschrieben, ebenfalls auf Carta veröffentlicht

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