Internetsucht: Das doppelte Lottchen

Diese Woche sorgte die epidemisch auftretende Internetsucht wieder für Aufregung. Medizinisch besonders interessant ist das zweimalige Auftreten desselben Krankheitsbildes mit übereinstimmenden Symptomen und gleichartigem Verlauf.

Es ist schon schön. Am 9. Oktober 2012 findet die Jahrestagung der Drogenbeauftragten im Allianz Forum Berlin statt.  Dort wird “die erste bundesweit repräsentative Studie zur Internetabhängigkeit (PINTA I)” in Szene gesetzt.  Alle regen sich furchtbar auf. Die Zahlen werden von den Medien durchgereicht, jeder zieht seine – bedrohlichen – Schlüsse daraus. Alles wie immer. Und tatsächlich – diese Studie wurde bereits 2011 vorgestellt und in der Presse ausführlich besprochen und aufgebauscht. Die Statistikerin Katharina Schüller hat PINTA I daraufhin im September 2011 für DRadio Wissen analysiert.

Es kann natürlich sein, dass der Presseabteilung der Drogenbeauftragten ein Fehler unterlaufen ist und in Wirklichkeit ein neuerer Bericht gemeint war. Allerdings stimmen zufällig auch die Zahlen in der Pressemitteilung auf geheimnisvolle Weise mit denen vom letzten Jahr überein. Da das bewusste Papier auf der Seite des Ministeriums nicht auftaucht, lässt sich das Rätsel nicht schlüssig lösen.

In einem als Handout zur Pressekonferenz angebotenen “Daten- und Faktenblatt” kommen ebenfalls keine zeitlichen Angaben zu den Datenerhebungen vor. Auch, wer sich von dem gleichfalls verlinkten Papier “Exzessive und pathologische Internetnutzung in Deutschland” von Dr. Hans-Jürgen Rumpf Aufklärung erhofft, wird enttäuscht. Vielleicht habe ich aber die Jahreszahlen auch übersehen, weil mich die grässlichen Bilder so erschreckt haben, wie mich überhaupt so hoch wissenschaftliche Darstellungen immer ängstigen. Die weiteren Download-Angebote habe ich mich nicht mehr getraut, anzusehen. Ich bin zu sensibel.

Ab 16. Oktober sind die Videos aller Vorträge der Jahrestagung auf dem neuen YouTube-Kanal der Drogenbeauftragten zu sehen. Sicher findet sich dort eine Antwort.

Bis dahin ist der Text aus dem Ministerium so zu lesen, als handele es sich um neue Zahlen. Die Strategie hat bestens funktioniert: alle haben artig noch einmal berichtet.

A propos, Vorträge: Da es sich in der Studie um Untersuchungen über Spielsucht handelt, hier einige Ausschnitte aus der bemerkenswerten Eröffnungsrede des rührigen Vorsitzenden des Rechtsausschusses des Bundestags, Siegfried Kauder, auf der Internationalen Fachmesse Unterhaltungs- und Warenautomaten (IMA) im Januar 2012.

Herr Kauder ist sehr für freie Entfaltung:

Wir könnten auch das Motorradfahren verbieten. Das braucht man nicht, das macht nur Lärm. Aber der Mensch darf Motorradfahren, weil es ihm Spaß macht. Auch das gehört zur Entfaltung seiner Persönlichkeit. Und nicht anders ist es im Bereich des Spielens. Das Spielen, auch das Glücksspiel, gehört zum Menschen. Und der Mensch entscheidet selbst, ob er spielen will oder ob er nicht spielen will.

Deshalb möchte er auch den Automatenbetreibern helfen, damit die Menschen sich in den heimeligen Spielhallen tüchtig erholen können:

Das Recht muss dem Unrecht nicht weichen. Vertreten Sie Ihre Ansprüche offensiv! Sie sind auf der richtigen Seite. Deswegen kann ich Ihnen nur anraten: Lassen Sie sich solche Gesetze nicht gefallen. Klagen Sie beim Bundesverfassungsgericht. Die Politik muss auch mal wieder merken, dass Politik gegen den Bürger nicht gut tut. Politik gegen die Verfassung ist unanständig.

Das ist mal ein Männerwort.

Herr Kauder sagte auch noch etwas über Pflichterfüllung, ist ja gerade sehr aktuell:

Ich tue nichts anderes als meine Pflicht. Deswegen fand ich es beschämend, als ein Journalist auf mich zukam und mich fragte: „Bekommen Sie etwa dafür, dass Sie heute einen Festvortrag halten, ein Honorar?“

Siehstewoll. Damit wäre das auch geklärt.

Schließlich:

Wenn mir jemand erklären kann, warum in staatlichen Spielbanken die „Spielsucht“ besser aufgehoben ist und besser bekämpft wird als in einer privaten Spielhalle, dann lasse ich mich bekehren. Und die Argumentation stimmt auch nicht. Wenn Sie das Spiel in den Spielhallen verbieten, würde der krankhafte Spieler ins Internet gehen [..]

– und das geht ja mal gar nicht, wo doch die Drogenbeauftragte so energisch die Spielsucht bekämpft, in diesem Internet. Und so einfallsreich.

Crosspost von Carta

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