Journalismus: Überfluss und Mangel

Rohstoffschwemme und Erklärungsbedarf

Wir haben 2012. Unsere technischen Möglichkeiten übertreffen die aller Generationen vor uns. Wir verfügen über Informationen von wahrlich überwältigendem Ausmaß. Leider sind wir längst nicht mehr in der Lage, auch nur den Teil, der uns am meisten interessiert, in vertretbarer Zeit zu verarbeiten.
Die Geschwindigkeit, mit der die Informationen weitergegeben werden, war noch nie so hoch. Die Nachricht vom Umfallen des sprichwörtlichen Sacks Reis in China erreicht uns binnen Sekunden, gleichzeitig finden überall weitere Ereignisse statt, die uns ebenfalls sofort gemeldet werden.

Über die Wichtigkeit eines Ereignisses entscheidet jeder für sich. Für den Einen kann das der Reissack sein, für den Anderen das Ergebnis des letzten Spiels der neuseeländischen Rugby Union, und ein Dritter möchte über die aktuelle Sotheby’s-Auktion auf dem Laufenden bleiben.

Es gibt unendlich viele Informationen, und jeder interessiert sich für Ausschnitte daraus. Eine gute Ausgangslage für Handeltreibende.

Die Händler

Ereignisse aus der ganzen Welt werden gesammelt, gesichtet, bewertet, in Ressorts zusammengefasst und von Nachrichtenagenturen verteilt. Deren Kunden bestellen einen Teil der Informationen und sichten, bewerten und bündeln erneut. Die bearbeitete Information wird als Schrift, Bild oder Ton weitergegeben.
Leser, Zuschauer und Zuhörer erhalten neben der gewünschten Information und dem Vorteil, nicht alles selbst sortieren zu müssen, ihr Presseprodukt in moderner, ansprechender Form. Das gilt für die Tageszeitung, die abendlichen Hauptnachrichten, das Hörfunk-Feature, das Wochenmagazin und die Dokumentation einer Filmfirma für einen Fernsehsender.

Sie alle sind die Presse. Sie verdient ihr Geld mit der Aufbereitung von Rohnachrichten und deren Verkauf zum Zweck der Gewinnerwirtschaftung. Die Begründung für diesen jahrhundertealten Handel ist nichts weniger als die Erklärung der Welt.

So war es immer, seit der Erfindung des Buchdrucks, erst recht nach Einführung der Journale im 18. Jahrhundert. Mit steigendem Nachrichtenangebot kümmerten sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts Agenturen um Sammlung und Verteilung. Die Schnellpresse und die Rotationspresse wurden erfunden; das Telefon. Gesetze für Zeitungsverlage gibt es seit etwa 1900, dazu kamen Rundfunkgesetze, später welche für das Fernsehen. Rechtliche Regelungen wurden immer wieder an neue Technologien angepasst, von Menschen angestoßen, die auf die Zukunft neugierig waren.

Bis jetzt.

Gibt es also noch eine Presse? Aber ja, in der analogen Welt schon. Im Digitalen gilt: Es gibt keine Presse mehr. — Christian Jakubetz

Alles dasselbe, in strahlendem Grau

Wir haben ein riesiges Angebot an Informationen, mehr, als Agenturen und Verwerter jemals bewältigen könnten. Die Menschen wünschen sich nichts so sehr wie Unterrichtung, Orientierung und Einordnung. Eine typische Win-Win-Situation, sollte man denken. Dennoch fängt niemand das Gescheiteste mit diesem Schlaraffenland an und wertet es bestmöglich aus, bereitet es mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln auf und beliefert die willig zahlenden Kunden damit.

Allianzen über den eigenen Tellerrand hinaus sind nicht beliebt, nicht einmal, um Geld zu verdienen. Beliebte Ausreden sind das Urheberrecht, Lobbyinteressen, die Befindlichkeit der Regierung und die Kirche. Passt davon nichts, heißt es, “das haben wir immer so gemacht” oder “das haben wir noch nie so gemacht”.

Käme ein Marsmensch nach Deutschland, um sich über die Presse zu informieren, er sähe: Eine große Anzahl von Nachrichtenvermittlern berichtet über dieselben Ereignisse und Entwicklungen – als gäbe es nicht genug Informationen, um unterschiedlichste Interessen zu bedienen und auf einem Gebiet einzigartig zu sein. Die verschiedenen Anbieter unterscheiden sich nur in der politischen Färbung und im Layout, die öde Nachrichtenschreibe ist überall die Gleiche. Einen eigenen Stil pflegen nur noch Spartenprodukte, die anderen übernehmen immer mehr, oft wortgleich, von Agenturen. Die Alten haben sich daran gewöhnt, die Jungen, mangels Angebot, haben längst ihre eigenen Nachrichtenkanäle. Oder machen sie gleich selbst.

Die Nachrichten werden nicht als appetitliches Menu dargeboten, sondern streng von ‘zuständigen’ Abteilungen verwaltet. Nachrichten, die eigentlich immer verschiedene Aspekte haben, werden säuberlich portioniert und etwa dem Politik-, Sport-, Touristik- und Auto-Ressort zugeteilt. Jedes berichtet aus seiner Sicht und mit dem eigenen Tunnelblick, zusätzlich sortiert nach dem passenden ‘Ton’ für Tages- und Wochenzeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online; Marken, Zielgruppen und Werbekunden. Einer schreibt noch was für’s Feuilleton. Der bekommt manchmal an der Ausgabe ein Viertelpfund mehr.

Mangel im Überfluss

Das versteht der Marsmensch nicht. Dort gibt es schon seit langer, langer Zeit digitale Datenverarbeitung und -übertragung. Nachrichten werden grundsätzlich multimedial bearbeitet, getaggt, verlinkt, und als Bouquet den Marsianern angeboten, die sich dann just die Schriften, Bilder und Töne heraussuchen, nach denen ihnen gerade jetzt der Sinn steht. Weil es dort 100-prozentige Internetabdeckung von mehreren Zettabyte und keinen Redaktionsschluss gibt, kann jeder sich rund um die Uhr so gut oder flüchtig informieren, wie er möchte – die Formate reichen von Kurzmeldungen bis zu Long Reads oder ausführlichen Multimedia-Dokumentationen mit Hintergrundinfos.
Selbstverständlich werden aktuelle Nachrichten aus anderen Teilen der Galaxie bei Eintreffen sofort als Kurzinfo an die Kundschaft weitergetickert. Dabei weiß jeder, dass sich an der Meldung später noch etwas ändern kann, denn auch auf dem Mars wird verifiziert, allerdings gehört dort Medienkompetenz zur schulischen Elementarbildung. Als Nachricht gilt restlos alles, was irgendwen interessieren könnte. Alle wünschenswerten Bezüge zwischen neuen und älteren Nachrichten lassen sich jederzeit herstellen, mit Archiven und Datenbanken abgleichen und auswerten, mit Freunden teilen und ergänzen. Das können dort schon die Kinder.

Der Marsmensch begreift unsere Welt nicht: Es ist alles im Überfluß vorhanden, und doch herrscht Mangel.

Medienkompetenz ist nur ein Fremdwort in den Reden mancher Sozial- oder Medienpolitiker. Trotz – für Erdenmenschen – hoher Technisierung bekommen viele noch kein ordentliches Videosignal, die Verschmelzung verschiedener Informationswege ist nicht üblich. Öffentliche Daten sind nicht frei zugänglich, sogenannte Fernseh- und Radiosendungen verschwinden nach kurzer Zeit auf Nimmerwiedersehen, obwohl sie sogar von den Menschen bezahlt wurden. Wer sie vorher sichern will und dabei erwischt wird, muss mit hohen Geldstrafen rechnen.
Er versteht auch nicht, dass die Journalisten-Erdlinge nicht alle zusammenarbeiten, damit die Allgemeinheit den höchstmöglichen Nutzen davon hat. Keiner erklärt den Menschen komplizierte Zusammenhänge, obwohl sie sich nichts mehr wünschen. Nicht mal für Geld. Schließlich klettert das Menschlein vom Mars kopfschüttelnd in sein Raumfahrzeug und dreht der Erde mit Warp-Antrieb den Rücken. So viel Vergeudung, so viel Unvernunft sind nichts für ihn.

Teamplayer gesucht

Man braucht nicht vom Mars zu kommen, um die Schwächen des Systems zu erkennen. Es dauert nur länger als bei dem Marsmenschen, der mit seinem heimischen Beispiel vergleichen konnte. Es ist wie bei einer Reise durch fremde Länder, wo man überall freies W-LAN hat. Und dann kommt man zurück nach Deutschland.

Während sich die verschiedenen Nachrichtenvermittler gegenseitig verklagen, ihre potentielle Kundschaft vergraulen und die Chancen – den Rohstoffreichtum, die menschliche Wissbegierde – ganz aus den Augen verloren haben, könnte ein Akteur erscheinen, mit dem niemand rechnet.

Die alten Medien sichern sich u.a. mit Tierfutterversand, Immobilien- und Partnerbörsen neue Einnahmequellen und entfernen sich immer weiter vom Journalismus. Statt Redaktionen werden Controller bezahlt, die früheren Redakteure lernen jetzt Freistil. Die Agenturen aber sitzen auf Bergen von Nachrichten, die immer weniger Abnehmer finden. Die Herrscher über die Vorauswahl picken sich nur das heraus, was sie für opportun halten. Die Agenturen kämpfen, kaum wahrgenommen, ihrerseits um neue Märkte und forschen nach alternativen Geschäftsmodellen. Statt zuzusehen, wie ihre Dienste überflüssig werden, könnten sie die bisher verkauften Informationen selbst verwerten oder unter anderen Bedingungen als bisher verkaufen; vorsorglich fordern sie bereits die Einbeziehung in ein Leistungsschutzrecht. Alles Nötige ist ja schon da: Korrespondenten in aller Welt, die Rohware Information, die Technik, gut ausgebildete Menschen, die den Rohstoff multimedial verarbeiten, internationale Kontakte, Vernetzung.

Nachrichtenagenturen, gewohnt, sich schnell auf Veränderungen einzustellen, scheinen die Möglichkeiten der Digitalisierung zu ihrem Vorteil nutzen zu wollen. Gegenüber Bloggern wurden bisher weder Beschimpfungen noch Verteufelung bekannt. Es ist eine Konkurrenzsituation, aber sie wird angenommen – ein Vorsprung gegenüber der Presse, die immer weiter mit dem Kopf durch die Wand will. Agenturen könnten im Netz das werden, was die alten Medien in der Kohlenstoffwelt einmal waren. Wenn sie über spezielle Tarife oder Micro Payment-Modelle nachdächten, die für freie Journalisten wie für Blogger interessant sind; wenn man miteinander ins Gespräch käme – die Perspektiven ließen sich wohl zum beiderseitigen Vorteil nutzen.

Es könnte so kommen. Es wäre eine Aussicht, wo die Besitzstandswahrer erst gar nicht den Blick in eine journalistische Zukunft riskieren. Denn:

Niemand geht ins Netz, um “Presse” zu lesen oder um fernzusehen.
Christian Jakubetz

 

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