Der Spiegel bloggt

Soso. Der Print-Spiegel hat jetzt also auch ein Blog (Maskulinum). Mathias Müller von Blumencron, von dem es Anfang 2011 noch hieß, er sei weggelobt worden, hat als Chefredakteur Digital mit Spiegel Online ein standfestes Produkt geschaffen, das in den Rankings stets ganz vorne dabei ist (was über die tatsächliche Qualität nichts aussagt). Das hat anscheinend Georg Mascolo, dem Chefredakteur Print, keine Ruhe gelassen. Der kann zwar den Kostenlos-Inhalten bei SpOn nichts abgewinnen, so ganz will er sich aber dem Zug der Zeit wohl doch nicht entziehen. Mit Uwe C. Beyer tritt ab 1. Oktober sogar erstmals ein Art Director für den Print-Spiegel an. Es ist auch nötig.

Mascolo also kündigte am Samstag, pünktlich zur Spiegel-Konferenz über dessen geschichtliche Aufarbeitung, die Schaffung eines “Redaktionsblogs” an. Es zu befüllen, war für die Premiere der Allzweckwaffe Stefan Niggemeier überlassen, der, ähnlich wie Sascha Lobo, immer dann aufgerufen ist, wenn es irgendwie ums Internet geht. Was und worüber (nicht) geschrieben wurde, hat Bole auf seinem Blog sehr lesenswert zusammengefasst.

Mascolo jedenfalls schreibt:

Die Debatte über unsere Arbeit findet heute häufig im Internet statt,

und durch mein Gehirn huscht etwas wie “Schnellmerker”. Was soll das? Wird das die große Auseinandersetzung mit der Blattgeschichte, die schon so lange nur im Verborgenen geführt wird? Denn mit dem Wunsch der Leser, “hinter die Kulissen zu blicken, die Köpfe hinter den Autorenzeilen kennenzulernen”, haben zumindest die ersten beiden Artikel nichts zu tun. Oder ist es einfach ein unbeholfener Versuch, an Popularität gegenüber SpOn aufzuholen? Ebenso unbeholfen, wie seit geraumer Zeit vor allem die Titelgestaltungen, zum Teil scheinbar direkt aus der Hölle, um Leser werben? Mathias Müller von Blumencrons Reaktion wäre sicher interessant gewesen.

Ein klares Konzept sieht anders aus. Spiegel digital ist digital, Print ist jetzt auch ein bisschen digital – oder wie? Leser wird das höchstens irritieren, ein großer Teil wird es nicht einmal zur Kenntnis nehmen. Wer diskutieren will, wird weiterhin Leserbriefe schreiben, das auf SpOn tun oder ein weiteres Spiegel-Forum benutzen, um allen möglichen Müll dort abzuladen. Welchen Nutzen das haben soll, außer dass man mal zwei Tage darüber gesprochen hat, erschließt sich nicht.

In der Seitenleiste steht “Redakteure auf Twitter”, darunter die Timeline. Und spätestens da stelle ich mir vor, wie Mascolo in den Newsroom kommt und laut verkündet: “Wir machen jetzt das mit Twitter”. Wenn das Nachrichtenmagazin jemals das Attribut ehemalig verdient hat, dann mit diesem unglaubwürdigen Klimmzug, der nur nach Revanchismus und sonst gar nichts aussieht.

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