Plusterquacksprech

Ist das nicht ein schönes Wort? Leider nicht von mir, sondern von Einem, den man niemals daran erinnern muss, dass Deutsch eine reiche, bunte und schöne Sprache ist. Möglicherweise hören sich Liebeslieder auf Italienisch besser an, Beschreibungen diffiziler Gefühlslagen auf Französisch und Sonette auf Spanisch. Deutsch ist keine ‘schöne’ Sprache, aber man kann in ihr alles sagen, darstellen und beschreiben, was man möchte. Und wenn man Kitsch nicht scheut, auch den. Wozu also wurden in den letzten dreißig Jahren all diese Kunst- und Plastiksprachen geschaffen, die seitdem so unendlich nerven? Neusprech für die Politik, Beratersprech für ganze Branchen von Werbefuzzis bis zu Lobbyisten, selbst Blogger übernehmen den schrecklich steifen Nachrichtenstil, von dem sie meinen, das sei gutes Deutsch.

All dieser Aufwand, um sich neben den wirklichen Fachsprachen eigene Begriffswelten zu zimmern; um, je nachdem, singulär, unique oder als Solitär dazustehen. Selten passen die Begriffe. Noch seltener stehen dahinter Begrifflichkeiten, die man anfassen kann, bei denen ein Gefühl für etwas entsteht. Spätestens nach der dritten Firmenbroschüre müssten gebildete Leute eigentlich genug haben – aber nein, sie gewöhnen sich daran und beherrschen das spätestens nach einem halben Jahr druckreif, in Hochglanz, 16 Farben. Mich schüttelt es.

Es war schlimm genug, als Ende der Sechziger Dialektik schick wurde und in jedem Satz neben sieben Kommas fünf Versatzstücke aus (mindestens) Sartre oder dem kommunistischen Manifest und deren diversen Kommentierungen in Mode kamen. Schlimm genug, als die Fremdwortwelle uns erfasste, in den Achtzigern, und jeder von Prunkstücken wie “Sie sind mir sehr synthetisch” oder der “Syphilisarbeit” berichten konnte.

Mittlerweile umschreiben wir die Umschreibung, indem wir immer noch größere, längere, kompliziertere Wortungetüme erfinden. Dabei wäre es so einfach. Jeder kann seine Äußerungen einmal einen halben, gesprächsreichen Tag lang aufnehmen und sich das abends in Ruhe anhören. Journalisten können in den Ferien ihren Textbausteinkasten ausmisten, überhaupt müssen die Schreiberlinge dringend über Floskeln nachdenken und sie sinnvoll ersetzen. Damit könnten sie gleich hier beginnen, Bilder anschauen und ein paar kurze Sätze lesen reicht für den Anfang.

Die sogenannten Leitmedien regen sich ja so gerne auf, zum Beispiel über die Verdummung, die von Twitter oder der abgekürzten SMS-Sprache ausgeht. Packt euch mal an die eigene Nase: schlampig redigierte Texte, Orthographie- und Grammatikfehler, Dopplungen, Stereotype, Wiederholungen, Auslassungen – meint ihr, das bliebe ohne Einfluss? Das mit dem Glashaus … Und nein, es reicht nicht, dass ein studierter Mensch den Text verfasst hat: Er soll gefälligst auch so schreiben, nämlich a. richtig, und b. verständlich.

Anspruch fängt mit der Sprache an, in der er erhoben wird. Sprecht eure Anliegen so aus, dass sie verstanden werden; schreibt auf, was ihr meint. Nur, bitte, hört auf mit diesem Plusterquacksprech.

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