Udo Vetter, sein Blog und die ARAG

Um direkt aufzuräumen: Natürlich bin ich neidisch. Ich hätte auch gerne einen tollen Vertrag, der mir Zeit zum Recherchieren und Bloggen und Fotografieren kauft. Da ich aber nur 50 und nicht 50.000 Leser am Tag habe, ist das ohnehin utopisch, und wir können uns dem Eigentlichen zuwenden. Ich wollte es nur gesagt haben. Die Anwaltskollegen lächeln mehr oder weniger gezwungen zu dem Deal. Witzig, dass es bei den bekannteren Law-Bloggern wie Thomas Schwenke (I Law it) oder Sebastian Dramburg (Lawbster; beide vormals Spreerecht) ganz still ist, und nur Thomas Stadler schreibt:

Vielmehr möchte ich meine Leser fragen, wie dieses Engagement gesehen wird. Ist es in Ordnung, dass ein langjähriger Qualitätsblogger wie Udo Vetter auf diese Weise jetzt auch mal die Ernte einfährt oder bringt das die Unabhängigkeit seines Blogs in Gefahr?

Darum geht es, nicht darum, wieviel der Handel einbringt (Thomas’ Frage gebe ich übrigens gerne weiter). Jedem Blogger ist eine lukrative Kooperation zu gönnen, denn er hat sie sich – meist in vielen Jahren – ehrlich erschrieben, viel Zeit, Geld und Nerven investiert, manche völlig fruchtlose Diskussion geführt, Kommentare noch und nöcher gelöscht und oft das Bloggen netteren Beschäftigungen vorgezogen, auch, wenn er wirklich lieber was Anderes gemacht hätte. Such is blogging.

Der casus knaxus ist die Glaubwürdigkeit, und das ist besonders in diesem Fall eine vielschichtige Angelegenheit. Über Standesrecht und Schleichwerbung sollen sich Berufenere auslassen, davon verstehe ich nichts. Ich meine auch nicht die unter Bloglesern weit verbreitete automatenhafte Abwehrhaltung gegen so ziemlich alles, was nach Werbung aussieht. Beispielsweise wurde ich kürzlich auf einem anderen Blog angegriffen, weil unter meinen Texten ein “gefällt mir”-Button steht – dass der von WordPress ist und nicht von Facebook, hat der Meckerer gar nicht registriert; allein die beiden Worte sorgten schon für den Zwergenaufstand. Ähnlich ist es um die meisten derartigen Werturteile bestellt: Werbung, egal wie und wofür, ist bäh. Das ist unrealistisch, zumal, wenn der Blogger gleichzeitig Unternehmer ist.

Es geht also erst einmal um den Blogger Udo Vetter. Sehr viele Kommentare bei ihm und auf anderen Blogs gehen in die eben beschriebene Richtung. Darüber kann man hinwegsehen.

Die meisten Menschen aber brauchen irgendwann einmal juristische Hilfe, und da wird zunächst das Vertrauensverhältnis zwischen Anwalt und Mandant den Ausschlag geben. Nun verlangt man in so einem Fall als Kunde ja ohnehin schon einen sonderbaren Spagat: Der Rechtsberater soll möglichst sieben Mal chemisch gereinigt sein, alle Fiesigkeiten dieser Welt kennen und im Umgang mit der gegnerischen Partei auch anwenden, im Umgang mit uns aber dem gütigen Großpapa gleichen, der es schon richten wird. Das Verhältnis zum Anwalt ist also immer ambivalent: Man muss ihm zwar vertrauen – es bleibt einem ja nichts anderes übrig -, gleichzeitig vermutet man aber per se eine gewisse Doppelzüngigkeit.

Wahrscheinlich habe ich auch deshalb mit der Konstellation Probleme: Ein bekannter Strafverteidiger und eine Versicherung – das fühlt sich einfach nicht richtig an. Vetter will alles sehr offen und transparent handhaben, das wird sich längerfristig in praxi erweisen, und dass die ARAG nicht sehr beliebt ist, hat sie mit vielen Branchengenossen gemein. Machte Udo Vetter allerdings Werbung für ein Reiseunternehmen – bekanntlich reist er gerne – hätte ich diese Probleme überhaupt nicht. Es ist die Nähe zum Beruf, die misstrauisch macht und unwillkürlich die Frage aufwirft: Ob der wirklich so unabhängig bleiben kann? Die Kenntnis des eigenen Charakters macht die Sache nicht leichter: Wenn etwas sich lohnt, Annehmlichkeiten irgendwelcher Art verschafft, würden wir nur ungern wieder darauf verzichten. Vielleicht sind es nur winzige Zugeständnisse, aber diese kleine Schramme bekommt die Unabhängigkeit eben doch.

Und was ist mit Artikeln, die sich – wie es auf dem Law Blog bisher gelegentlich der Fall war – kritisch mit Versicherungen auseinandersetzen? Spätestens da liegt es ausschließlich an der Souveranität der werbenden Firma, was sie zulassen kann und will. Damit wird die Schramme schon tiefer, denn Unabhängigkeit bedeutet nicht, bestimmte Aspekte einer Sache einfach per Schere im Kopf auszuklammern, sondern tun zu können, wozu man lustig ist – uneingeschränkt.

Auch die Form ist problematisch. Es sind eben keine (wie Udo Vetter sagt, nervenden) Werbebanner, nein. Aber die wären auf einem Blog leichter zu ertragen als fremde Texte, von jemand anders als dem gewohnten Schreiber im gewohnten Duktus erstellt, mit anderen Inhalten und Gewichtungen. Auf einem Blog, das man gerne liest, will man eine bestimmte, vertraute Handschrift – keine ‘fremden’ Artikel. Der Wechsel zwischen berichtenden, erzählenden oder glossierenden Beiträgen ist angenehm. Reine Werbetexte, seien sie noch so sachlich, sind dazwischen Fremdkörper. Und dass eine PR-Abteilung eigens für ein einziges Blog, sei es noch so viel gelesen, Texte erstellt (“eigene, extra für das law blog konzipierte Beiträge”) …

Angeblich haben die PR-Leute von ARAG Zugriff auf das Blog – falls das stimmt, hätten sie damit auch Zugriff auf die Löschfunktion, und das wäre eine sehr weitgehende Bevollmächtigung. Ich halte nichts von dem ‘Argument’, dass Löschen mit Zensur gleichzusetzen sei, in so einem Fall wäre es das allerdings: Es würde dafür gesorgt, dass unliebsame und damit ein wichtiger Teil der Kommentare verschwinden. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob das so ist, doch damit hätte der Blogbetreiber seine Unabhängigkeit aus der Hand gegeben.

Die Mischung macht’s, die Nähe, in der sich Beruf und Werbepartner befinden, ob ein Leser sich mit einer Kooperation wohlfühlt oder nicht. Udo Vetter kann ganz sicher auf ein paar Leser verzichten – trotzdem: ein Reiseveranstalter wäre besser gewesen.

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