Ein ganz normales Interview

Letzte Nacht habe ich noch einen kleinen Text geschrieben, weil mich der Inhalt eines Interviews geärgert hat. Wie es der Teufel will, schreibe ich nun zum zweiten Mal darüber, jetzt über die Form, weil sie den Inhalt beispielhaft konterkariert.

Qualitätsjournalismus können selbst Menschen nicht mehr hören, die nichts “mit Medien” machen. Der häufige Gebrauch des Worts, wenn es um das Gegenteil geht, hat die Abnutzung und den schließlichen Aufstieg zur ironischen Plattitüde beschleunigt.
Um eben diesen Qualitätsjournalismus geht es in bewusstem Interview. Da verteidigt jemand ein Ideal, das zwar noch in den Köpfen herumspukt, sich realiter aber längst auf dem Weg zu seiner völligen Ausrottung durch Controller befindet.

Kommen wir zur Form: Das Interview führte Ulrich Meyer für die Nachrichtenagentur dapd. Es erschien bei WELT online, darunter brav, wie es sich gehört, wenn man Inhalte gegen Geld erworben hat, “© Axel Springer AG 2012. Alle Rechte vorbehalten“. Dafür sind Agenturen da.

Was aber ist aus dem Interview geworden? Nach Holzfällerart gehackt, zersägt und von 7.821 zu 1.743 Zeichen gehäckselt. Die guten Stücke zur Präsentation verwendet, den Rest zum Zerspanen gegeben, will sagen: Nur die spektakulären Aussagen herausgeklaubt, die zu der im Haus Springer gepflegten Weltsicht passen. Das ist legitim, spart aber unter dem Etikett “Information” einen Teil der Wirklichkeit aus. Tatsächlich ist es ein Meinungsbeitrag, der durch das Stilmittel der indirekten Rede nur sachlich-distanziert wirkt.

Qualitätsjournalismus würde in diesem Fall bedeuten: Zum Interview verlinken, statt es verstümmelt wiederzugeben, dann einen Kommentar aus Verlagssicht dazu schreiben. Daraufhin könnte sich ein mündiger Leser seine Meinung bilden, statt sie bequem, aber bevormundet, in Häppchen zu schlucken. Die Chancen, dass er den Tenor des Kommentars übernähme, stünden immer noch 80 : 20.

Der Leser sieht zwangsläufig durch die Brille des Journalisten, der ihm schreibend die Welt erklären soll. Er liest deshalb auch, was am besten zu ihm passt. Dort wird allerdings nicht nur seine Meinung bestätigt, er bekommt auch nur zu sehen, was er sehen soll. Man müsste einmal untersuchen, wie Springer-Leser zum Leistungsschutzrecht stehen; noch interessanter wäre es, zu erfahren, was sie wirklich darüber wissen. Jede Interessengruppe vertritt ihre Anliegen, so gut sie kann, und Springer ist ebenso eine Interessengruppe wie irgendein anderes kommerzielles Unternehmen. Darüber sollte man weder sich noch andere mit glorifizierenden Behauptungen täuschen.

Dieses Interview wurde zufällig in der WELT wiedergegeben, den Schuh können sich andere Blätter jedoch ebenfalls anziehen. So ist es sicher nicht im Sinn des Konsumenten, in den Medien so gut wie nichts über die Medien zu erfahren. Die Kontroverse um das Leistungsschutzrecht wird – wie hier – nur durch die Blume geführt, vom Streit um die tagesschau-App wird in dürrsten Worten berichtet, über den Zusammenhang von Pressemitteilungen, PR-Informationen und redaktionellen Beiträgen erfährt der Leser höchstens durch Zufall. Und über die politische Berichterstattung ist damit noch gar nichts gesagt.

Auch nicht darüber, dass Medienkonzerne ihre journalistischen Ausleger mit völlig branchenfremden Einnahmen finanzieren und sich damit gleichzeitig der Möglichkeit begeben, über diese Branchen noch unabhängig zu informieren. Niemand wäre so verrückt, über Partnervermittlungen kritisch zu berichten, wenn er selbst damit Geld verdient. Stattdessen gaukeln idealisierende Beiträge eine heile Zeitungswelt voller hochherziger, engagierter Schreiber vor, die sich nicht verändert und anheimelnd zum weiteren Abonnieren einlädt.

Noch ein Fundstück aus dem Ressort Bratwurstjournalismus?

Das Wetter im Juni hat den Deutschen die Lust auf Garten und Balkon verdorben. Prompt haben sie weniger Grillfleisch und Wurst gekauft.

Hört auf, von Qualitätsjournalismus zu reden.

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