Fliegen mit Precht

Gibt es im „Quartett“ ordentliche Analysen literarischer Werke? Nein, niemals. Wird hier vereinfacht? Unentwegt. Ist das Ergebnis oberflächlich? Es ist sogar sehr oberflächlich. (Marcel Reich-Ranicki, “Mein Leben”, S. 538)*

Das ZDF hat keinen allzu schlechten Namen, wenn es um Kultur geht: seit 1965 läuft dort aspekte, von 1988 bis 2001 gab es Das Literarische Quartett, das für Amüsement ebenso sorgte wie für gelegentlichen, wohligen Eklat, im nachtstudio diskutierte Volker Panzer von 1997 bis 2012 mit Gästen aus verschiedenen Fachrichtungen mal mehr, mal weniger tiefgründig gesellschaftliche und philosophische Themen, und von 2002 bis 2012 bildeten Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski mit jeweils wechselnden Gästen Das Philosophische Quartett, bis Thomas Bellut ein Machtwort sprach und die Sendung eingestellt wurde.

Nun also Richard-David Precht, ein in jeder Hinsicht kameratauglicher (und -erprobter) Mann, der trotz seiner 47 Lebensjahre und mählich ergrauender Schläfen immer noch als junger Wilder geführt wird. Möglicherweise gilt es im Kulturbetrieb als verwegen, komplexe Zusammenhänge in eine Sprache zu fassen, die fernsehgeeignet ist. Wenn vorne noch ‘Philosophie’ dran steht, um so mehr, merkt der Zuschauer doch sogleich, öha, hier bekomme ich Bildung und Anspruch geboten.

Ende der 60-er Jahre waren Diskussionen abseits des Bildschirms gang und gäbe, ihre Aufbereitung für das Fernsehen willkommen und geschätzt. Mit der Zeit, dem Nachlassen des politischen Interesses und der gleichzeitigen Zunahme der Talk Shows, rutschten die Sendeplätze der gehaltvolleren Debatten immer weiter nach hinten.

Auch Precht muss nun um 23:30 Uhr am Sonntagabend um ein Publikum kämpfen, das längst genug von allem und zudem am Montag Morgen dem Arbeitgeber ausgeruht zur Verfügung zu stehen hat. Da hilft es, wenn der Kulturchef schon einmal “philosophische Gedankenflüge” ankündigt. In anscheinend von der ARD übernommener übler Neu-Tradition wird allerdings mit dem knalligen Titel “Skandal Schule – Macht lernen dumm?” ein Teil des Kredits direkt wieder verspielt. Dass das Schulsystem überholt ist, hören wir seit den 70-er Jahren, Abhilfe wurde bis dato nicht geschaffen. Daran ändert auch ein Wissenschaftler als Gesprächspartner nichts, der durch seine Forschungen zum Zappelphilipp-Syndrom ADHS sicher etwas zum Thema sagen kann. Dazu müssten sich Politiker bequemen, Stellung zu beziehen und abseits des Talk Show-Geredes endlich für grundlegende Veränderungen im föderalistischen Durcheinander zu sorgen.

Was kommt also am 2. September auf uns zu? Schlimmstenfalls ein belangloser Talk unter populärwissenschaftlichen Buchautoren, bestenfalls, und zu dieser späten Sendezeit durchaus möglich, ein kleiner Erkenntnisgewinn, der dem Vermögen der Diskutanten zuzuschreiben wäre, eben: schwierige Sachverhalte einfach auszudrücken. Die Sendungsüberschrift lässt allerdings befürchten, dass solches Herunterbrechen der Quote zuliebe in simpler Beliebigkeit enden könnte. Dann wäre es einfacher, ‘Philosophie’ ganz zu streichen und um diese Zeit die 215. Wiederholung von ‘Rio Bravo’ zu senden.

* Zitat Wikipedia
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