Unternehmerjournalismus und die Kuh auf dem Eis

Im Feuilleton der NZZ schreiben Kate Nacy und Stephan Russ-Mohl heute¹, der neue Journalist solle über unternehmerische Fähigkeiten verfügen. “Dies fordern einige Avantgardisten. US-Institute entwickeln entsprechende Ideen.”

Nee, Leute, bitte nicht schon wieder. Erstens ist die Idee nicht mehr neu, so neu schon gar nicht. Zweitens hört sich Entrepreneurial Journalism an wie PR-Sprech vom Allerschlimmsten. Und drittens ist das Thema bis auf die Felgen durchgekaut.

Amerika, das gelobte Land des Journalismus. Du meine Güte. Erst mal kommen Comcast/NBCUniversal, The Walt Disney Company und Google, erst auf Platz 4 folgt mit News Corp. Ltd. das Murdoch’sche Reich, in dem das Geld überwiegend mit Journalismus – oder Spielarten davon – verdient wird. Außerdem ein Markt, der mit dem europäischen höchstens schwarze Buchstaben auf hellem Papier gemein hat.

Können Journalisten, die über Journalismus schreiben, wirklich so weit weg vom Alltag sein? Ja, meint ihr denn, das wäre neu für irgendwen, der nicht die letzten drei Jahre in einer Einsiedelei verbracht hat? Ganz zu schweigen von denen, um die es geht. Die haben ihre – tatsächlichen – Neuigkeiten schon lange von ausgezeichneten Blogs, die sich seit drei, vier Jahren mit just diesem Thema rauf und runter befassen. Nur, dass dort eine stetige Fortentwicklung stattfindet und nicht anno Domini 2012 von ‘Avantgarde’ die Rede ist. Das hat auch etwas mit Austausch statt Einbahnjournalismus zu tun, aber gut, andere Baustelle. Hallo? Das Berufsbild hat sich bereits verändert, und das, was man hier Unternehmerjournalismus nennt, praktizieren die meisten Freien schon länger sehr geübt.

Bis jetzt scheint es auch keine Neugierigen zu geben, die ganz vorne dabei sein und die tollen amerikanischen Modelle unbedingt als Erste finanzieren wollen. Das einzige scheinbar gelungene Stück ist die Paywall, aber man lernt ja auch die schmutzigen Vokabeln immer am schnellsten. Oder, wie Stefan Niggemeier sagt: “Wenn die Zeitungen Paywalls oder Bezahlschranken errichten, dann finden die Debatten eben außerhalb dieser Mauern statt.”

Die wirklichen Avantgardisten, die den deutschsprachigen Markt kennen und ihre guten Ideen nicht nur aufschreiben, sondern auch vormachen, kamen nicht in den Genuss, als Vordenker gelobt zu werden. Von denen, die es eigentlich angehen sollte, wurden sie bestenfalls zur Kenntnis genommen; zu deren Entschuldigung sei gesagt, dass sie sich derweil auf anderen Geschäftsfeldern engagieren und am Journalismus nur noch streifenweise interessiert sind. Unternehmungslustige Journalisten hingegen befinden sich längst außerhalb der Mauern und experimentieren dort in wachsenden Netzwerken.

Statt das Feuilleton zu nutzen, um für den europäischen Markt geeignete Modelle und ihre Wegbereiter vorzustellen und für sie zu werben, wird die 471. Folge von “USA, Zukunft des Journalismus” aufgelegt und der Leser im vagen Glauben gelassen, hierzulande stehe alles zum Besten. Leser in Entwicklungen mit einzubeziehen, ist vielleicht nach 500 Jahren noch etwas früh, aber man könnte das Thema Medienwandel in Europa auf diesem wenig eingeschränkten Spielplatz immerhin einmal vorsichtig anschneiden.

Für Politik, Wirtschaft und den Polizeibericht ist kein Thema abgefahren, kein Ereignis abwegig genug, als dass nicht in der zweitletzten Zeitung jede noch so winzige neue Wendung aufs Akribischste verhackstückt würde. Wenn der Kuh zu wohl ist, geht sie auf’s Eis. Zum Wiederkäuen ins Feuilleton.

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