LSR: Mit dem Kopf durch die Wand

Was hat es gerauscht, gescheppert und getobt, als das böse Wort publik wurde: Leistungsschutzrecht. Stoßrichtung und Feind standen fest, gegen Google soll es gehen, hoiotoho! Haltet den Datendieb, hieß es, zahlen soll er für die teuren Qualitätsinhalte, die er uns wegnimmt und in pures Gold verwandelt.

Die Presseverlage beauftragten überschaubar bezahlte, aber immerhin Fachleute, die an den Websites der Online-Ausgaben so lange herumschraubten, bis Googles Algorithmen kaum noch eine Chance hatten, auch nur ein Fitzelchen des Katzwinkler Polizeiberichts zu übersehen. Solchermaßen SEO-gestählt, zogen die Verleger in die Lobby-Schlacht, um den Beweis für die unabdingbare politische Notwendigkeit ihrer Erfindung zu erbringen; immer in vorderster Reihe der wackere Christoph Keese.

Drei Jahre später kommt nun nach all dem Geschützdonner ein armseliges Referentenentwürfchen, und plötzlich ist die Stoßrichtung gar nicht mehr so klar. Hätte man tatsächlich Google treffen wollen, wäre so ein Papier durchaus sachgerecht auszuarbeiten und zu begründen gewesen. Es ist schwer zu glauben, dass die geballte Macht aus Lobbyismus, Geld und Politik es nicht fertiggebracht haben soll, eine juristisch solide Vorlage auf die Beine zu stellen.

Nun könnte man mutmaßen, dass die Angelegenheit der Justizministerin lästig wurde und sie mit einem handwerklich schlechten Entwurf für eine Ruhepause sorgen wollte. Da jedoch seit Jahren selbst Gesetze so schlampig geschrieben sind, dass sie regelmäßig in Karlsruhe in die Einzelteile zerlegt werden, ist das eher unwahrscheinlich.

In den drei Jahren ist aber womöglich dem einen oder anderen Presseverlag ein Kronleuchter aufgegangen, denn mit den durch ständig verfeinerte SEO steigenden Klickzahlen floßen auch die Werbeetats zunehmend in Richtung Online-Presse. Nicht, dass man sich geniert hätte, etwa durch Fotostrecken, sonderbare Tests oder Umfragen die Zahl der Page Impressions unauffällig zu erhöhen; auch diese Tricks hatten die Verlage sich schnell angeeignet.

Sie haben in dieser Zeit überhaupt eine Menge gelernt. Vor allem über Blogger. Lange Zeit bestand eine grundsätzliche und heftige Abneigung zwischen Journalisten und Bloggern, und es gab ernsthafte Bemühungen, die Amateurschreiber vor der Öffentlichkeit abzuwerten und in die Dilettanten- oder Spinner-Ecke zu stellen. Das schöne Wort Qualitätsjournalismus wurde eigens zur Kenntlichmachung des feinen Unterschieds kreiert. Dessen ungeachtet wuchs die Zahl der Blogs; einige der Betreiber wurden bekannter als das Gros der Zeitungsleute. Und unversehens erwiesen Blogger sich auch noch als hochbegabt für das Nachrichtengeschäft, wenn auch auf völlig ungewohnte Weise.

Zuerst bei den Aufständen in Tunesien und Ägypten 2010/2011, dann anlässlich der Fukushima-Havarie im März 2011, schließlich während des arabischen Frühlings, waren die weltweit gut vernetzten, technisch versierten und polyglotten Blogger auf einmal die Herren der schnellen, authentischen Information. Während das öffentlich-rechtliche Fernsehen in tiefem Dornröschenschlaf lag und die Onlineredaktionen der Printmedien erstaunliche Anlaufzeiten brauchten, wurde getwittert, gefilmt, geskypet, übersetzt und gebloggt. Blogger und Microblogger haben unter Todesgefahr aus den arabischen Ländern berichtet, andere technische Hilfe geleistet, um Netzsperren zu umgehen und den Kontakt zur Außenwelt zu ermöglichen.

Nicht mehr dpa, Thomson Reuters oder AFP hatten die aktuellen Nachrichten, sondern der qatarische Sender Al Jazeera, der große Teile seiner Berichterstattung – einschließlich korrekter Quellenangaben – aus dem Netz zusammenstellte. Arabische Tweets oder facebook-Meldungen waren ebenfalls kein Problem, es gab immer jemanden, der eine Übersetzung anbot, und selbst, wenn es von der fremden Schrift noch über Französisch oder Englisch ging, war das Netz schneller.

Dasselbe passierte auch während der ersten Tage der dreifachen Katastrophe in Fukushima: Japanische Tweets oder Fernsehsendungen? Kein Problem. Behäbige Korrespondenten berichteten aus sicherer Entfernung, wo sie selbst ihre Informationen auf konventionellem Weg und mit Verspätung bekamen – da war das Neueste im Internet schon einmal um die Welt gegangen. Im Handumdrehen war ein Twitternetz über ganz Japan ausgebreitet, aus dem die aktuelle örtliche Strahlenbelastung ablesbar war. Die einfachen Geigerzähler waren durch Spenden aus dem Netz finanziert worden, die Werte wurden regelmäßig getwittert und koordiniert; so bildeten sie das Gegengewicht zu Tepcos bewusster Irreführung.

Während dieser Tage kam es in Deutschland zum ersten Mal zur Zusammenarbeit zwischen traditionellen und neuen Medien. Die sich vorgewagt hatten, stellten auf beiden Seiten erstaunt fest, dass sie ganz gut miteinander auskamen.

Mittlerweile bloggen viele Journalisten, und Blogger schreiben für Zeitungen. Die Grenzen verschwimmen immer mehr. Man lernt voneinander, und viele haben begriffen, dass die Zeit des Herrschaftswissens endgültig vorbei ist. Von Horst Köhler über zu Guttenberg bis zum Zugmonitor: Man ergänzt sich, statt sich zu bekämpfen. Die Ergebnisse können sich sehen lassen.

Einem Teil der alten Medienwelt bereitet das großes Unbehagen, demselben Teil, der es verschlafen hat, sich auf neue Verfahren und Vertriebsmodelle einzustellen. Die Jüngeren informieren sich schon jetzt auf den Blogs, bei Twitter, facebook und Google+. Sie werden keine Papierzeitungen mehr in Mengen kaufen, die das Überleben von Verlagen garantieren. Auf Paywalls werden sie pfeifen. Die Werbung wird ihnen hinterherziehen, dahin, wo es gute Inhalte zu fairen Bedingungen gibt. Wo ihr Medienverhalten verstanden und bedient wird.

Mag das Schutzrecht anfangs gegen Google gerichtet gewesen sein, jetzt nährt es die Hoffnung, die zu Mitbewerbern gewordenen Amateure ruhigzustellen.

Auch, wenn manche Netzbewohner es vielleicht annehmen: Die Verlagsleute sind nicht dumm. Ihnen ist bewusst, dass sie bei dem Versuch der Rechtsdurchsetzung gegen einen Internetgiganten nur verlieren können. Während der drei Jahre ist Googles Macht noch gewachsen. Die Verantwortlichen haben mehr als einmal deutlich gesagt, dass das angefeindete Google News in Deutschland nicht profitabel ist. Wenn der Wirt vom Taxifahrer Geld dafür haben will, dass er die Zecher zur Kneipe bringt, wird er bald keine Kundschaft mehr finden. Der winzige und noch dazu unrentable deutsche Markt interessiert Google ungefähr so viel wie die Queen eine Katze. Allein 328 Millionen Menschen sprechen Englisch als Muttersprache, 329 Millionen Spanisch, nur 90 Millionen Deutsch. Das wissen auch die Lobbyisten der Pressehäuser.

Da dieses Gesetz aber nun einmal kommen soll, könnte man ja die stumpfe Waffe in eine spitze verwandeln. Gegen die Blogger ist sie gut einsetzbar, denkt sich diese Fraktion der Medienleute, denn wenn sie nicht mehr auf unsere kostbaren Inhalte verlinken können, worüber sollen sie dann schreiben?

Dabei lassen sie außer Acht, dass jetzt schon auf vielen Blogs die Qualität höher ist als in Presserzeugnissen – sonst würden sich die Redaktionen nicht immer wieder großzügig und unentgeltlich bedienen. Es gibt genügend renommierte Zeitungen in den deutschsprachigen Nachbarländern, und auch in Deutschland stehen zahlreiche freie Nachrichtenquellen und Lokalblogs zur Verfügung. Die Zahl der CC-lizenzierten Inhalte nimmt ständig zu. Eigene Recherche ist dank immer besserer Vernetzung kein Problem mehr, auch der Aufbau eigener agenturähnlicher Netze oder Kooperativen stellt keine große Herausforderung dar. Viele Blogger sind mehrsprachig, ohnehin bedeutet es keine Zumutung, auf englischsprachige Texte zu verlinken, sie zu zitieren oder aus anderen Sprachen zu übersetzen. Und warum sollten die interessanten Interviewpartner nicht auch dahin gehen, wo sie das meiste Publikum finden?

Wenn die Verleger also partout mit dem Kopf durch die Wand wollen: Nur zu. Feste.

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