Schubladen · Nachklapp zur re:publica

Bei kaum einem Ereignis wird die mangelnde Sachkunde in den Medien so deutlich wie bei der re:publica. Während zu anderen Großveranstaltungen ausgewiesene Fachleute geschickt werden, hat man hier den Eindruck, es berichtet, wer gerade verfügbar ist – obwohl es vor Spezialisten nur so wimmelt.

Gut, Institutionen wie Presse und Fernsehen sind mit der Zeit ein wenig schwerfällig geworden, wir alle werden ja älter. Kommentatoren, die in dasselbe Horn getutet haben wie im letzten Jahr (2010, 2009, …), seien hiermit entschuldigt. Denen mit der Vorliebe für den Griff in die unergründlichen Stereotypenkiste sei das jährliche Treffen des Taubenkaninchenteckelzüchtervereins empfohlen: Die Mitglieder bleiben über Jahrzehnte dieselben, Ereignisse sind weitgehend vorhersehbar und Wechselwirkungen mit einer größeren Öffentlichkeit eher unwahrscheinlich. Dann sind da noch die Jungs, denen zwar dieses Netzgedöns am Allerwertesten vorbeigeht, die aber ganz gerne drei Tage in Berlin unter Menschen mit einem gewissen Hipnessgrad abreißen: Es wäre ein Dienst an der Gemeinschaft, wenn sie alle bei der nächsten re:publica zu Hause blieben.

Eben jetzt verzahnen sich Internet und das sogenannte richtige Leben immer schneller immer mehr. Jeder Smartphonebenutzer möge sich selbst die Frage beantworten, wie viele Stunden er täglich online ist. Für diesen Wandel braucht es neugierige Journalisten, die unvoreingenommen nach Berlin kommen und sich mit dem Strom treiben lassen, ihre Nase in den Wind halten, ehe sie packende Berichte für ihre Zuschauer oder Leser machen. Die, statt aus Kilometern Footage die kryptischsten Statements für ihre Sendungen herauszufiltern, um Vorurteile zu bestätigen, eine ihnen vielleicht unbekannte Welt zu erforschen und zu erklären bereit sind.

Menschen passen per se nicht in Schubladen, Ereignisse entwickeln sich. Die Teilnehmer der re:publica sind gerne bereit, ihr Wissen mit anderen zu teilen und Dinge geduldig zu erklären, bis ihr Gegenüber versteht. Verstehen bedeutet begreifen, etwas geistig anfassen zu können, setzt jedoch keineswegs voraus, dass man einen Standpunkt teilt. Respekt, der die Grundlage allen menschlichen Miteinanders ist, erlaubt durchaus Kritik. Sein Fehlen wird uns gerade durch die Politik vor Augen geführt.

Weil große Konferenzen seit Jahrzehnten nur noch Bühnenvordergrund für Hinterzimmergemauschel sind, fällt dem Berichterstatter die Einordnung nicht leicht: Ist das alles hier, seid ihr alle hier echt? Früher war Interpretation Sache der Kirche, der Parteiorgane oder der Presse demokratischer Staaten. Letztere kränkelt, leider, die Prawda hat immerhin ein paar Revolutionen überstanden, in Rom sitzt ein erzkonservativer alter Mann, der schon vor Amtsamtritt seine Unlust hat verlauten lassen. Die Politik reagiert mit Angst, Panikmache und Restriktionen auf Neuerungen. Ausgewogene, sachliche Berichterstattung ist daher wichtiger denn je, und sie sollte den Lesern und Zuschauern, die nicht mit dem Computer auf du und du sind, anschauliche Beschreibungen der vielgestaltigen Diskussionen geben, die auf der re:publica geführt und angestoßen werden.

Wo wir gerade dabei sind: Einer der dämlichsten Sprüche des gepriesenen Exkanzlers Schmidt war der mit den Visionen. Wir sollten stolz sein auf die Menschen, die welche haben, sie pflegen und fördern und dafür sorgen, dass sie ihre Ideen umsetzen können. Es waren immer die Visionäre, die Entwicklungsschübe in Gang gesetzt haben. Wir können sie dringend brauchen. Ebenso wie eine Presse, die wichtige Tendenzen und Entwicklungsprozesse erläuternd begleitet.

Crosspost von Carta

Advertisements