Online-Journalismus: Mehr Erklärbären!

Katy Walther hat für das Magazin medium:online den Journalistik-Professor Klaus Meier interviewt. Wie in unzähligen ähnlichen Artikeln ist darin die Rede von tollen neuen Chancen, die jungen Journalisten alles bieten, was für Online und crossmediales Arbeiten nötig ist. Die schicke neue Art der Ausbildung wird hoch gelobt – um Weiterbildung geht es nicht. Warum wird nicht einmal gefragt, was alte Hasen tun können, um sich mit neuen Arbeitsmitteln vertraut zu machen? Es ist auch kein Geheimnis, dass nicht alle deutschen Journalistenschulen den Umgang mit den “neuen” Medien als Grundkenntnis ansehen und vermitteln: Manch eben fertigem Studienabsolventen fehlen die wichtigen multimedialen Fähigkeiten.

Eigeninitiative ist also das Mittel der Wahl, doch Erklärstücke in deutscher Sprache sind rar. In meinen Bookmarks sind an die dreihundert englischsprachige “How to’s”, von der BBC über den Guardian und das Nieman Lab bis zu Poynter, und es gibt hunderte Artikel, die ich nicht gespeichert habe. Dagegen stehen etwa vierzig Deutsche.

Das einzige umfassende deutschsprachige Nachschlagewerk für Onlinejournalismus ist Universalcode, auf der zugehörigen Website erscheinen zudem ständig Aktualisierungen. Die Autoren stellen auch auf ihren eigenen Blogs erklärende Beiträge zu unterschiedlichen Themenbereichen zur Verfügung: Ulrike Langer zum Beispiel gibt Tipps für Selbstständige, Richard Gutjahr zeigt den nützlichen Inhalt seiner Blogger-Handtasche, und Christian Jakubetz regt sich häufig zu Recht über Kollegen auf, die mit diesem Internetz aber auch so gar nichts am Hut haben – und sagt, wie sie es besser machen können.

Marcus Bösch und Steffen Leidel beim DW-Lab und Julius Tröger auf Digitaler Wandel stellen regelmäßig Hard- und/oder Software und ihre Bedienung vor. Das ReporterFORUM bringt hilfreiche Aufsätze, etwa über richtiges Verhalten in Krisengebieten. Roman Mischel, Thomas Mrazek, Bernd Oswald, Oliver Schröder und Fiete Stegers betrachten auf onlinejournalismus.de aktuelle Entwicklungen aus verschiedenen Mediengattungen, auch bei ihnen gibt es Anleitungen.

Inge Seibel schreibt über Radiojournalismus und Social Media. Bei Christiane Schulzki-Haddouti, Lorenz Matzat und databeast werden der Umgang mit großen Datenmengen, Open Data und mancher Trick beschrieben. Der Schweizer Konrad Weber hat eben den dritten Teil seiner Reihe Verifikation von Inhalten in Social Media veröffentlicht, und um zu zeigen, wie man einen Beitrag baut, hat Martin Giesler ein viel verlinktes Video gedreht. Marietta Slomka beschreibt, wie sie sich auf ein Gespräch vorbereitet, ebenfalls vom ZDF stammt Wie verifiziert man Youtube-Videos? Ellen von Elmastudio gibt Tipps, wie man lange Texte mit typografischen Tricks auflockert.

Gäbe es keinen Bedarf, gäbe es diese Beiträge nicht. Journalisten oszillieren ungern nur vor sich hin.

Anschauliche Erklärungen sind wichtig, egal, ob man etwas Neues lernen oder auf dem Laufenden bleiben möchte. Da sind auch noch die Seminare der Berufsverbände, doch die Teilnahme ist immer mit Aufwand verbunden, und oft ist es nur ein Modul des Seminars, das einen tatsächlich interessiert. Natürlich gibt es weitere Blogs, auf denen man sich über dies und das schlau machen kann, aber im Vergleich zu den englischsprachigen Angeboten ist die Anzahl ziemlich überschaubar. Ja, Onlinejournalismus hat vor allem in den USA einen deutlich höheren Stellenwert als bei uns, auch deshalb gibt es so viel mehr darüber zu lesen. Eins zu eins umsetzen lässt sich das Meiste jedoch nicht, weil der US-amerikanische Markt ein völlig anderer ist. Ich wünsche mir mehr deutschsprachige Beiträge, die Onlinejournalismus aus dem europäischen Blickwinkel darstellen. Erklärbären vor!

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