Ein-Mann-Terrorismus – wie bitte?

Frank Jansen behauptet auf ZEITonline:

Die Morde des Islamisten Mohamed M. stehen für eine neue Form des Terrors. Politik und Medien tun sich schwer, damit umzugehen.

Ja, in der Tat, vor allem die Medien; der Politik kommen solche Taten vielleicht nicht gänzlich ungelegen. Die Medien haben allerdings ein rapide wachsendes Problem: Das der Sprache. Die ist irgendwann erschöpft, selbst eine so ausdrucksreiche wie die deutsche. Nach Sensation kommt nicht mehr viel, toter als tot geht nicht, und nach dem Terrorismus kann man noch so eben den Ein-Mann-Terrorismus erfinden, aber selbst hausgemachte Plastikwörter lassen nach einer Weile keine weiteren Superlative mehr zu.

Früher einmal hieß Mord Mord, wenn es ein Mord war, im gegebenen Fall auch Serienmord. Immer schon wurden Augenzeugen befragt, immer schon waren deren Angaben durch Schock, schlechte Beobachtung oder einfach Sensationslust nicht aufschlussreich. Das wussten alle, die Reporter hatten ihre menschelnde Story im Kasten, und Schluss.
Heute heißt Mord Anschlag, der Mörder ist natürlich Terrorist und kann nur Islamist, Links- oder sonst ein Extremist sein. Der Rechtsextremist kommt kaum vor, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, aber bei Gelegenheit wird er ja vielleicht doch noch zu einer willkommenen Ergänzung des Spektrums der möglichen Täter.

Dermaleinst, als die Welt noch nicht völlig überkandidelt war, galten Presseregeln. Darin kam auch etwas vor, das dem Prinzip in dubio pro reo* entsprach, dass nämlich, ehe nichts feststehe, äußerst zurückhaltend zu berichten sei. Seit 2001 scheinen diese einleuchtenden Regeln im steten Schwund begriffen zu sein.

Kaum hören die Medien von etwas, das sie ein mediales Großereignis nennen, kokeln schon die Drähte. Alle möglichen (und vor allem unmöglichen) „Experten“ werden um Stellungnahmen gebeten, und sei es mitten in der Nacht. Aus dem Stand mutmaßen und gerüchten die dann zusammen, was ihnen gerade so einfällt. Das Lieblingsbild ist – selbstverständlich – der islamische Terrorist. Wobei die in ihrer Dämlichkeit kaum zu übertreffende Gedankenkette Anschlag – Terror – Islam in all ihren verführerischen Facetten gedreht und gewendet und keine noch so weit her geholte Spekulation ausgelassen wird. Ein Wunder, dass nicht auch die Mehrfachkatastrophe von Fukushima gleich diesem Bild angepasst wurde.

Was wäre es für eine Wohltat, wenn ein Reporter oder Moderator einfach einmal sagte, „uns liegen noch keine gesicherten Erkenntnisse vor“. Wenn diese schrecklichen für-alles-und-gar nichts-Experten ruhig in ihren warmen Betten liegen bleiben dürften. Vermutlich werden wir das nicht mehr erleben.

Dass Mörder möglicherweise gar keinen „Hintergrund“ haben, dass sie ganz eigene Beweggründe für ihre Tat hatten, steht gar nicht mehr zur Debatte. Es ist ja auch eine zu schöne Rechtfertigung für den Einsatz aller eben noch erlaubten staatlichen Mittel (und einer ganzen Reihe unerlaubter), wenn man „Terroristen“ statt „Mörder“ dingfest machen muss. Die Öffentlichkeit ist gleich viel größer, und Panikmache geht auch leichter. Hinterher nicken dann die weisen Männer aus den Ministerien und vom BKA mit den Köpfen, sie hätten es ja schon immer gewusst, und verschärfen fix noch ein paar Gesetze.
Im aktuellen Fall der Morde in Toulouse erfrecht sich der während des Wahlkampfs gerne um rechte Wählergruppen werbende Präsident, gegen Hassprediger und „das Internet“ vorzugehen. Man sollte ihn zwingen, seine eigenen Wahlkampfreden aufmerksam anzuhören. Die finden allerdings zur besten Sendezeit auf TF1 oder France 2 statt, nicht in einer Moschee, und außerdem ist Frankreich ein kultiviertes Land. Pfui Teufel.

Nun haben wir also – mit Merah und Breivik – den Ein-Mann-Terrorismus. Ein wunderbares Wahlkampfthema, ein wunderbarer Grund, wieder einmal dies und das ein bisschen aufzurüsten. Natürlich auch Auflagen und Einschaltquoten fördernd, schließlich ist das verehrte Publikum mittlerweile auf mehr, mehr, mehr konditioniert worden. Unter Superhyperultrasensation geht gar nix. Deshalb muss es der Anschlag statt des Mordes, der Islamist statt des bösen oder kranken Menschen und eben der Ein-Mann-Terrorismus sein. Drunter tun wir’s nicht.

* Im Zweifel für den Angeklagten
Advertisements