Die Piraten in der Fernseh-Berichterstattung

Die TV-Berichterstattung über die Piraten ist eine Zumutung. Ganz gleich, ob ein Interview geführt oder ein Ereignis kommentiert wird: Sie ist schwer zu ertragen.

In den Reportagen von den Wahlerfolgen in Berlin und Saarbrücken waren Party, Stimmung, Jubel und Internet die meistgebrauchten Worte. Berichte von Parteitagen bestehen überwiegend aus der Beschreibung der vielen Kabel und Laptops, des verbreiteten Genusses eines stark koffeinhaltigen Getränks, der Versammlungsform, die nicht so durchorganisiert ist, wie es die Betrachter gewohnt sind. Dem Stimmungsbild folgt die übervorsichtige Annäherung an Aliens mit Welpenschutz. Es mag gestandene Journalisten verblüffen, in eine Halle voller Leitungen und Computer zu geraten, dahinter sitzen jedoch ganz normale Menschen. Junge, engagierte Menschen allerdings, das ist in der deutschen Politik in den letzten 30 Jahren nicht mehr vorgekommen. Es ist kein Grund, auf Zehenspitzen zu gehen.

Die Reporter haben mit etwas Neuartigem zu tun, ja, aber es beißt nicht. Man kann ihm mit journalistischer Neugier, guter Vorbereitung und interessanten Fragen begegnen. Die Interviews wirken stattdessen bemüht bis peinlich, der Ton klingt nach will und kann nicht. Der Zuschauer ist danach nicht schlauer. Was er über die Piraten erfahren hat, hat kaum Informationswert: Jung, chaotisch, was mit Internet, kein Plan. Wusste man schon, nicht so wichtig.

Die ziemlich hilflosen Fragen und die augenscheinlich schlechte Vorbereitung der Reportagen decken sich erstaunlich weitgehend mit der Herangehensweise der politisch Alteingesessenen. Auch das Personal der traditionellen Parteien findet keine Erklärungen. Die Einordnungsversuche sind zum Teil so haarsträubend, weil die Piraten partout nicht in ein bekanntes Schema passen wollen. Was nicht in eine Schublade geht, ist per se unheimlich und flößt Angst ein. Als könnte man den Neuen nicht mit ganz herkömmlichen Mitteln auf die Spur kommen: Lesen, mit ihnen sprechen, Fragen stellen, neugierig sein, die Bereitschaft, sich schlau zu machen. Zuzugeben, dass man etwas nicht kennt, bedeutet einen erträglichen Kontrollverlust. Es gibt genügend Piraten, die gerne bereit und in der Lage wären, ausführlich Auskunft zu geben.

Spätestens jetzt, nach der Saarland-Wahl, ist unstreitig, dass man die junge Partei ernst nehmen muss. Sie bringt mächtig Bewegung in scheinbar feststehende Gegebenheiten. Bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus in Berlin wurde noch erklärt, das Ergebnis sei der großstädtischen Umgebung und der urbanen, internetaffinen Jugend zuzuschreiben. Für das kleine Saarland kann das nicht stimmen, dennoch wird weiterhin das Mantra von der Internetpartei bemüht. An die Wurzeln geht niemand.

Die einzige Tatsache, die von allen richtig beurteilt wird: Die Piraten sprechen ein junges Publikum an. Die Beweggründe, sie zu wählen, haben jedoch nur nachrangig mit dem Netz zu tun. Vielmehr findet hier die große Unzufriedenheit mit dem üblichen Politikbetrieb Ausdruck, in dem mehr vertuscht als Tacheles geredet wird und die Menschen längst nicht mehr wichtig sind. Nein, die Piraten haben noch nicht auf alles eine Antwort. Aber wie wohltuend, wenn zwischen all dem genormten Blabla mal jemand sagt, „darauf kann ich Ihnen noch keine Antwort geben“. Es stellt sich niemand vorne hin und behauptet, alle Lösungen zu kennen.
Die Piraten laden zum Mitmachen ein, wo die sogenannten Volksparteien selbstherrlich Hinterzimmerpolitik betreiben. Das Versprechen, mit gestalten zu können, selbst etwas zu bewegen und die oft nicht verständlichen Entscheidungen derer ‚da oben‘ beeinflussen zu können, ist das wichtigste Wahlmotiv. Es ist wesentlich kraftvoller als die Themen Internet und Netzpolitik, die von den Medien so gern in den Vordergrund geschoben werden. Diese Reduzierung wie auch die stete Betonung des vorgeblichen Interesses an freien Downloads oder der Abschaffung des Urheberrechts ist eine Folge mangelhafter oder fehlender Nachfrage, kurz: von medialem Desinteresse.

Die erschreckende netzpolitische Unbedarftheit der alten Parteien ist natürlich Teil des Problems, durch die schlecht vorbereitete, einseitige Berichterstattung wird sie noch sichtbarer. Auch über das alte Parteienspektrum wird ja immer noch berichtet, als habe sich seit den 80er-Jahren nichts geändert: Über die CDU als christlich geprägte Wirtschaftspartei, über die SPD, als vertrete sie immer noch sozialdemokratische Ziele, über die FDP, als sei sie auch heute noch das Zünglein an der Waage, das sie jahrzehntelang war. Eher selten sind Kommentare, die den Sozialabbau durch den unheilvollen neoliberalen Einfluss und die längst erfolgte Angleichung unter den großen Parteien beim Namen nennen. Als sensationell wird hingegen herausgestellt, wenn konservative Politiker etwa twittern oder gar bloggen, als sei das bereits ein Kompetenzbeweis und belege die ernsthafte Beschäftigung mit digitalen Bürgerrechten.

In der Wirklichkeit enthalten netzbezogene Verlautbarungen aus den großen Parteien selten anderes als beschämende Fehleinschätzungen oder die Ankündigung von Restriktionen. Auf ihrem ureigenen Spielfeld lassen sich die Piraten aber nicht von uninformierten Lautsprechern dreinreden, und sie sind zu Recht sauer, dass deren Dialogbereitschaft gegen Null geht. Dialogfähigkeit und Lernbereitschaft sind wichtige Schlüssel zum Verständnis der Partei; Bildung, die Verbreitung von Wissen und die Vermittlung von Fähigkeiten ein Grundanliegen. Sie versteht nicht, dass man nicht einfach auf das in ihren Reihen vorhandene Wissen zugreift. Einer Partei, die Probleme lösen und den üblichen Politikstil ändern will, ist Ignoranz unverständlich.

Allerdings hat sie auch einige Steilvorlagen vergeben. Die Pressearbeit hinkt noch gewaltig. In den letzten Monaten wurde auf einige netzpolitische Herausforderungen nicht schnell und effektiv reagiert. Das spielt denen in die Hände, die auf professionelle Pressestellen zurückgreifen und in zwei Sätzen anschauliche Schreckensszenarien entwerfen können. Sie können sich entspannt zurücklehnen, statt unter Zugzwang reagieren zu müssen. Es ist allerdings ein Trugschluss, deshalb anzunehmen, die Piratenwähler nähmen das besonders übel. Auch das irritiert die Medien; es ist einfach nichts wie gewohnt. Bekannte Mechanismen funktionieren nicht. Handlungsmuster, die bei den herkömmlichen Parteien bestimmte Folgehandlungen triggern, kommen kaum vor. Selbst Intrigen finden coram publico statt, nachzulesen in den Foren, sozialen Netzwerken und auf Twitter.

Von den Sendern werden diese Mittel kaum zur Information genutzt. Sie sind zwar in den Netzwerken unterwegs, bewerben dort allerdings hauptsächlich die eigenen Programme. Es gibt einige Redakteure, die dem Fernsehzuschauer „das Internet“ übersetzen. Diese wenig informativen Inhalte beschränken sich auf einfache Stimmungsbilder und Interpretationen, die der Sachkenntnis von Einzelpersonen überlassen bleiben und nur in sehr kurzen Einstellungen zu sehen sind. Sie erklären nichts.

Vielleicht beginnen die Fernsehanstalten jetzt endlich, Journalisten mit Berichten über die Piratenpartei zu beauftragen, die dem Thema gewachsen sind. Die Piraten haben eine schwierige Zeit vor sich, in denen sie nicht nur Antworten finden, sondern auch an Professionalität gewinnen müssen: Eine wirklich spannende Zeit für die Medien, für guten, informativen Journalismus. Die Öffentlich-rechtlichen haben den gebührenfinanzierten Auftrag, die Bürger umfassend zu informieren. Bei den Sendern gibt es genügend geeignete Mitarbeiter, die diese Herausforderung annehmen können. Die Piraten werden für die nächsten Jahre ein ergiebiges Thema sein, auch abseits der Stereotype Internet, Protestpartei und Anderssein. Macht was draus.

Als Crosspost bei Carta erschienen

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