Keine Einsicht

Wir können uns glücklich schätzen, Christian Wulff als Bundespräsidenten und Politiker los zu sein. Er hat die Meinung vieler Menschen bestätigt, Politiker seien eben so – nimm, was du kriegen kannst. Mit dem Rechtsempfinden der Meisten ist es nicht vereinbar, dass eine Verkäuferin für einen nicht ordnungsgemäß abgerechneten Kassenbon ihre Arbeit verliert, der Präsident sich aber anscheinend munter weiter bereichert. Das hat realiter nichts miteinander zu tun, kommt aber bei den Bürgern so an.

Wulff hat es stufenweise immer schlimmer gemacht. Auf jeden weiteren Vorwurf, der hinzukam, ließ er von seinen Anwälten Erklärungen veröffentlichen, die keine waren. Er selbst gab keine Antworten. Sein Lavieren mit Halbwahrheiten war unangenehm. Es genügt nicht, sich in kurzen Interviews oder Statements selbst zu bemitleiden; die Selbstdarstellung als Opfer hat ihm nicht geholfen. Wenn das Volk Vorgänge als falsch empfindet, reicht Schönreden oder gefühlte Sachverdrehung als Erklärung nicht aus. Man muss das Amt nicht künstlich überhöhen, aber es sollte von einer Person besetzt werden, die respektabel ist und allgemein respektiert wird.

Noch seine Rücktrittserklärung ist eine Zumutung. Sie impliziert, einem unbescholtenen Menschen sei bitteres Unrecht zugefügt worden. Dass er nichts falsch gemacht habe, ist nicht haltbar. Ohne ihm bisher Straftaten nachgewiesen zu haben, hätte das klare Eingeständnis gemachter Fehler zumindest einen Rest Anstand bewiesen. Dass er Angriffe auf seine Frau vorschiebt, sie aber nicht selbst durch seinen rechtzeitigen Rücktritt geschützt hat, ist reine Heuchelei. Er hat sie und seine Familie schlecht behandelt. Er hat die Möglichkeit vergeben, sich zumindest mit seiner letzten Ansprache als Präsident noch ein wenig Respekt zu verdienen. Nun wird er als peinlicher Lapsus in Erinnerung bleiben, menschlich wie politisch. Das hat er sich auf der ganzen Linie selbst zuzuschreiben.

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