Kleine Bilanz der SOPA-Proteste

Ein gutes Zeichen und ein Wegweiser: Im Rahmen der US-amerikanischen Blackout-Aktionen haben sich auch viele Menschen im deutschen Teil des Netzes die Mühe gemacht, gemeinsam gegen unsinnige Gesetzesinitiativen zu protestieren. Das ist ein erfreulicher Anfang, der zeigt: Es ist möglich.

Die großen Blätter und Sender haben hauptsächlich* über Wikipedia berichtet. Das ist verständlich, schließlich ist es bisher einmalig, dass ein Betreiber 25 Millionen Menschen einen ganzen Tag lang in die Röhre gucken läßt. Eines solchen Druckmittels bedurfte es, um u.a. sechs US-Senatoren – Befürworter – zu der Einsicht zu veranlassen:

We have increasingly heard from a large number of constituents and stakeholders with vocal concerns about possible unintended consequences of the proposed legislation.

Natürlich ist die Kuh damit nicht vom Eis. Hollywood hat aufgejault, um sich getreten und gebissen. Sie werden so schnell wie möglich versuchen, das Vorhaben unter anderem Namen erneut durchzubringen. Aber die Bosse haben heute etwas gelernt: Sie mögen noch so mächtig sein – es gibt eine Gegenöffentlichkeit, die überall ist und ihnen Paroli bieten will und kann. Das mag um so befremdlicher wirken, als derartige Solidarität seit den fünfziger Jahren nicht mehr in Mode war. Vermutlich löst das auch auf dem Capitol Hill Ängste aus, denn nach #occupy ist es ein weiteres, starkes Zeichen.

Anders als in den USA, verstehen unsere Politiker solche Aktionen nicht. Zu fremd, zu weit weg, ist dieses Internet. Das Bindeglied zur Netzwelt besteht für die meisten in ihrem Drucker, und die wichtigste Frage zum Smartphone lautet, „kann man damit auch telefonieren?“ Während sich für Netzmenschen beide Welten längst in Echtzeit durchdringen, wird in Berlin noch in Papierzyklen gedacht. Aktivismus aus dem Internet ist ein Sonderfall, der den Ablauf stört, und dessen Intentionen und Zielsetzungen schleierhaft bleiben. Wichtige Herren wie Hans-Peter Friedrich meinen zwar, sie könnten Google+ als Verlautbarungsorgan benutzen und dort – no fraternization! – ihre Pressemitteilungen abkippen. Die Angebote aus dem Netz werden verbissen ignoriert. Niemand weiß, wie Kommunikation auf diesem fernen Planeten funktioniert, und es interessiert auch keinen. Dass sich da eine Macht etabliert, würden viele für einen Witz halten. Der schleichende Kontrollverlust wird, wenn überhaupt, nicht bewusst wahrgenommen. Lieber macht man noch ein paar schöne Angstbeißergesetze, die auch die eigene Sicherheit suggerieren. Dass dabei Grundrechte verletzt und Chancen zerstört werden: Was juckt’s den Baum, wenn die Sau sich an ihm scheuert …

Übrigens hat Frank Schirrmacher heute endlich seinen Twitteraccount zaghaft zu benutzen begonnen, was getrost als Anzeichen für einen grundlegenden Wandel angesehen werden kann. Sein Kollege Wolfgang Blau bewegt sich schon seit einer Weile auf allen Kanälen. Seine Bereitschaft, sich auf die neuen Möglichkeiten einzulassen, hat ihm den Titel Chefredakteur des Jahres eingebracht. Nun ist ein Medienmensch in den meisten Fällen anders gestrickt als ein Politiker, dennoch müssten eigentlich beide neugierig sein und eine Nase für Zeitströmungen haben. Dann würde auch den Gesetzgebern in Berlin klar, woher der Wind weht: Dieses Internet wird nicht mehr weggehen. Die es für sich besetzt haben, werden es verteidigen, und sie beherrschen ihre Werkzeuge. Heute ist eines dazugekommen: Der Beweis, dass die Mobilisierung vieler klappt.

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