Überraschung!

Ein wenig hat mir vor dem 34. SPD-Parteitag gegraust. Ich habe mich gefragt, warum ich mir das eigentlich antue, wenn auch nur auf Phoenix und twitter. Aber – Überraschung!

Von Sigmar Gabriel war ich nicht begeistert, weil ich ihn immer eher poltrig und rauhbeinig erlebt habe. Bei seiner etwa 100-minütigen Rede am Freitag wollte ich allerdings meinen Ohren nicht trauen. Das war nachdenklich, mitreissend und gar nicht präsidial, wie man es in den letzten Jahren gewohnt war. Es war keine ‘Basta!’-Rede und keine mit erhobenem Zeigefinger.

Gabriel hat die Delegierten mitgenommen, das war zu sehen und in den tweets zu lesen. Solch eine Rede, diesen Ton habe ich mir lange gewünscht. Selten habe ich Parteitagsteilnehmer so interessiert zuhören gesehen; viele waren ebenso überrascht wie ich. Gabriel hat – auch heute bei den Verabschiedungen – zu integrieren versucht, war verbindlich und sogar witzig.

Im Vorfeld des Parteitags haben er und Nahles Ortsvereine besucht und einen grossen Teil des Mitgliederfrusts aufgefangen, das hat sich ausgezahlt und zu der guten Stimmung während des Treffens beigetragen. Andrea Nahles ist trotzdem abgewatscht worden, irgendwer musste für die Wahlniederlage ja büssen. Man ist jedoch mit dieser Niederlage erstaunlich offensiv umgegangen, auch das gab es lange nicht mehr. Endlich ging es wieder mehr um Positionen als um Personen. Das kam an.
Den ‘Blutdurst’ der Genossen hat Frank-Walter Steinmeier mit einer ordentlichen Philippika gegen die Regierungskoalition und ihre ‘Klientelpolitik’ gestillt; das ist ein fester Programmpunkt, ohne den es nun mal nicht geht. Gegen Gabriel wirkte er trotz der Aggressivität blaß.

Sebastian Weigle hat einen kurzen Vortrag zur Netzpolitik gehalten und eine Ergänzung zum Leitantrag vorgestellt, die auch angenommen wurde *. Es gibt eine Initiative Netzpolitik in der SPD, deren Mitglieder sich zum Teil am Rand des Parteitags getroffen haben. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat schon Unterstützung signalisiert; das ist nicht zu verachten, weil die FES seit vielen Jahren datentechnisch gut aufgestellt ist. Bis dieses Thema an der Basis ankommt, wird es dauern, aber ein Anfang ist gemacht. Vielleicht werde ich dann demnächst nicht mehr hören müssen, das ‘interessiere doch nun wirklich kein Schwein’.

Auch die Jüngeren haben selbstkritisch und selbstbewusst ihre Lust auf Politik demonstriert. Bis jetzt (Samstag 17:00) hat der Parteitag Zuversicht vermittelt und klar gemacht, was Sozialdemokratie können soll – das wurde auch Zeit. Zum ersten Mal seit langem war Aufbruchstimmung zu spüren, die nicht bloß von den Medien herbeigeredet wurde. Der Schwung hält hoffentlich an, denn er wirkt ansteckend – eine gute Voraussetzung für eine starke Opposition. Die wird der alten Tante bestens bekommen.

Advertisements

Was meinst du?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s